Nr. 37/2019 vom 12.09.2019

Alles wird Wut?

Angst vor dem Versagen, Mut zum Widerstand: Die neue Ausgabe der Zeitschrift «Widerspruch» befasst sich mit der gesellschaftlichen Bedeutung von Gefühlen.

Von Rahel Locher

Depressionen? Einsamkeit? Die aktuell dominante Erzählung begreift das als individuelles Problem. Foto: Ursula Häne

Du kannst alles erreichen, wenn du dich nur genug anstrengst! So lautet eine Kernbotschaft der gegenwärtigen neoliberalen Gesellschaft. Über konkret auf die Lohnarbeit bezogene Fähigkeiten hinaus werden dabei auch Gefühle, Charaktereigenschaften und soziale Beziehungen dem Leistungsimperativ unterworfen.

Im Neoliberalismus haben die Individuen die Norm der Produktivität – oder der Selbstausbeutung – dermassen verinnerlicht, dass eine Disziplinierung durch privatwirtschaftliche oder staatliche Instanzen zunehmend überflüssig wird. Gleichzeitig ist die Angst, zu versagen oder überflüssig zu werden, weitverbreitet, ebenso die Folgeschäden dieser leistungs- und verwertungsorientierten Gesellschaft, etwa psychische Krankheiten. Das ist die Gemengelage, der sich die neue Ausgabe der linken Halbjahreszeitschrift «Widerspruch» unter dem Titel «Angst. Wut. Mut» widmet.

Optimiere dich selbst!

Die aktuell dominante Erzählung von der individuellen Verantwortung zeigt sich in Debatten um Resilienz oder Depressionen. Die deutsche Soziologin Stefanie Graefe beschreibt in ihrem Essay, wie persönliches Scheitern etwa in der Arbeitswelt als mangelndes Selbstmanagement begriffen wird. Das Narrativ der Eigenverantwortung verspricht, dass wir aus jeder noch so beschissenen Situation einen Ausweg finden und sogar gestärkt daraus hervorgehen können, etwa durch «Resilienz» – also die persönliche Fähigkeit, nach Krisen und Schocks innert kurzer Zeit wieder voll arbeitsfähig zu sein. In diesem aktuell prominent verhandelten Konzept der «intensivierten Arbeit an der psychischen Belastbarkeit» sieht Graefe eine neue Stufe in der «psychopolitischen Zurichtung des Subjekts». Letztlich werde damit suggeriert, dass es nicht die Arbeitsbedingungen zu verbessern gilt, sondern die individuellen psychologischen Fähigkeiten.

Weitere Aufsätze gehen der gesellschaftlichen Bedeutung von Gefühlen nach. So rufen unterschiedliche Bedrohungsszenarien – in der Arbeitswelt, auf dem Sozialamt oder im Justizbereich – Angst hervor und drängen dadurch zu Anpassung und Unterwerfung. Eine Untersuchung der Arbeitsbedingungen im Schweizer Detailhandel durch drei Berner Wissenschaftlerinnen zeigt: Wer dort arbeitet, berichtet von zunehmender Flexibilisierung sowie Überwachung und Sanktionierung, was bei den Angestellten Druck, Stress, Unsicherheit und Angst erzeugt. Der deutsche Soziologe Peter Samol wiederum beobachtet eine branchenübergreifende Angst vor dem Scheitern, die dazu führe, dass nicht mehr bloss die eigene Arbeitskraft, sondern die ganze Persönlichkeit auf den Markt geworfen werde. Unter diesen Voraussetzungen erschaffen sich Menschen ein eigenes – laut Samol narzisstisches – Selbst gemäss den jeweiligen Marktanforderungen. Die Kehrseite davon, so Samol: Gefühle der Leere und des Ausgeliefertseins und fehlende soziale Bindungen.

Freiheitsentzug auf Vorrat

Im Justizbereich wird ebenfalls über die psychologischen Fähigkeiten – oder Mängel – der zu verurteilenden Personen debattiert. Der Zürcher Psychiater Mario Gmür zeigt in seinem Aufsatz, wie unter anderem durch forensische PsychiaterInnen das Bild psychisch gestörter, unheilbarer TäterInnen heraufbeschworen wird, die entsprechend durch ein präventives Strafrecht von der Gesellschaft möglichst fernzuhalten seien. Die Betroffenen werden einerseits einem psychometrischen Verfahren unterzogen, bei dem anhand von Fragebögen Rückfallprognosen erstellt werden; andererseits müssen sie im Rahmen einer obligatorischen Psychotherapie mit TherapeutInnen zusammenarbeiten, die ihrerseits Informationen an die Behörden weitergeben. Diese Strafrechtspraxis, so Gmür, ordne Freiheitsentzug auf Vorrat an, statt begangene Delikte zu bestrafen. Gerade auch die Medien, die entsprechende Ängste schürten, hätten diese Entwicklung begünstigt.

Weitere wichtige Themen sind Klimakrise und Religion. Was die vielfältigen Beiträge eint, ist ihre Kritik an gesellschaftlichen Zuständen, in denen die Einzelnen sich selbst entsprechend kapitalistischen Anforderungen optimieren, oder anders ausgedrückt: zurichten. Der allgegenwärtigen Angst vor dem individuellen Scheitern stellen die AutorInnen dieser «Widerspruch»-Ausgabe ein solidarisches Miteinander entgegen. So schildert die italienische Marxistin und Feministin Silvia Federici, wie im Kampf gegen den Faschismus durch den starken Zusammenhalt innerhalb der Bewegung ein Umgang mit der Angst gefunden werden konnte.

Dieser Zusammenhalt sei heute nicht mehr gegeben, da an die Stelle eines klaren politischen Gegners viele verschiedene Formen politischer Unterdrückung getreten seien. Durch die Erfahrung gemeinsamen Widerstands könne jedoch wieder ein soziales Gewebe entstehen, das es ermögliche, sich gemeinsam gegen die in diesem «Widerspruch» vielfach beschriebenen unzumutbaren Verhältnisse zu wehren.

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