Nr. 35/2019 vom 29.08.2019

Die Späne, die die Schweiz bedeuten

Im Zentrum der Deutungsmacht: Am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Zug traf sich die Mehrheitsgesellschaft zu einem gigantischen Akt der Selbstvergewisserung – kräftig befeuert vom Schweizer Fernsehen.

Von Raphael Albisser

Da passiert etwas, dort geschieht etwas – und eine Grossleinwand gibt es nicht: ZuschauerInnen am Eidgenössichen. Foto: Alexandra Wey, Keystone

Sieben Sägemehlringe, die zwei Tage lang die Schweiz bedeuten. Aber wohin schauen? Wenn ein Raunen durch die Ränge geht oder plötzlicher Applaus aufkommt, dann ist irgendwo Bemerkenswertes passiert. Und je nach Sektor, in dem der Jubel ausbricht, hat wohl gerade ein Berner, Innerschweizer oder der Schwinger eines anderen Verbands einen Plattwurf gelandet. Dann ist es bereits zu spät, es gibt keine Grossleinwand, auf der eine Wiederholung zu sehen wäre. Und auch wenn immer klar ist, wo die Spitzenkämpfe laufen, bestimmt doch der Zufall, was der Blick durch den Feldstecher hergibt: Mal mühen sich zwei Schwinger im Gleichschritt in Richtung Rasen, mal wirbelt eines der Muskelpakete spektakulär durch die Luft. In diesen Momenten wird die Faszination dieses Sports nachvollziehbar. Wenn sich das Kräftemessen entlädt, dann entscheiden kleinste technische Finessen über den Ausgang.

Es wird unglaublich viel geschwungen am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Zug, selbst eingefleischte Fans ermüden ob der schieren Menge der Duelle. Das Rahmenprogramm, das wissen die OrganisatorInnen ganz genau, ist darum mindestens so wichtig. Laufend postieren sich Volksmusikgruppen, AlphornbläserInnen und Fahnenschwinger vor den Tribünen. In einem seiner Lieder – vom Speaker als «Vorträge» angekündigt – besingt ein Jodelchor die «freie Schweiz», während dahinter um den Königstitel gerungen wird. Etwas Aufregung kommt auf, als die Lebendpreise durch die Arena geführt werden: Hinter Muni Kolin, bestimmt für den Sieger, brennt der zweite Preis durch. Greth, ein reinrassiges Braunviehrind, rennt bockend über den Rasen. Keine zwei Minuten später ist es wieder eingefangen.

Die ganze Eigentümlichkeit dieser Veranstaltung hat durchaus sympathische Züge. Die seltsame Punktezählweise, die undurchsichtige und viel diskutierte Bestimmung der Paarungen, selbst die albernen Kostüme der Kampfrichter. Und der «Gabentempel» mit seinen Möbeln, Haushaltsgeräten und Landmaschinen, bei dem sich die Schwinger je nach Rangierung bedienen dürfen, offenbart Einblick in gutschweizerische Bieder- und Genügsamkeit. Gerade angesichts der wachsenden Kommerzialisierung sind solche Eigenarten nicht zuletzt ein Versuch, eine Sportart, die sich schon mehrfach neu erfunden hat, sogenannt ursprünglich zu halten.

Edelweiss auf der Ehrentribüne

Das Zuger Eidgenössische ist das grösste Schwingfest, das es je gab. (Die Zürcher Streetparade zum Vergleich zieht jedes Jahr ein Vielfaches an Leuten an, die Schnittmenge dürfte beträchtlich sein.) Auf dem umliegenden Gelände sollen über 400 000 BesucherInnen gefestet haben, in der Arena selbst haben 56 500 ZuschauerInnen Platz, und über allem schwebt die Spidercam des Schweizer Fernsehens (SRF), das die Schwingkämpfe auf eine Million Fernsehgeräte im Land überträgt. Der Sport drohe darob langsam seine Seele zu verlieren, klagten TraditionalistInnen schon vor dem Monsteranlass.

Tatsächlich liegen die Marketingbemühungen der Sponsoren wie ein klebriger Film auf dem Fest. Die Tribünen tragen die Namen grosser Firmen. Eine davon ist gänzlich für Ehrengäste reserviert – die einzige, auf der durchgehend auch freie Plätze auszumachen sind. Das identitätsstiftende Edelweisshemd, ein Design aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, ist in zig Variationen überall in der Arena anzutreffen – aber nirgends so flächendeckend wie auf der Ehrentribüne. Was die einen Anbiederung nennen, ist für andere gar kulturelle Appropriation. In banger Vorahnung schrieb die «Weltwoche» schon im Vorfeld von einer «dünnen Swissness-Kulisse».

Portionen auf dem Brettchen

Schön wärs. Denn hinter der hurrapatriotischen Fassade steckt weit mehr als das vordergründige Spiel mit ein bisschen Swissness. Das wird spätestens dann offenkundig, wenn man sich die SRF-Produktion anschaut, die dieses Schwingfest begleitet – und ihm damit jenen Filter auflegt, der ihm erst seine Strahlkraft verleiht. Ständig wird betont, dass man sich in der weltweit grössten temporären Arena befinde und dass hier absolut Einzigartiges passiere. Denn nirgendwo sonst sei es denkbar, ein so grosses Fest mit so geringen Sicherheitsbedenken zu feiern. Unentwegt werden der Friede und die Friedfertigkeit unter den ZuschauerInnen beschworen und bezeugt durch unzählige Nahaufnahmen von Gästen, die ihr mitgebrachtes Essen – meist Käse oder Speck oder beides – auf Rüstbrettchen portionieren. Auch das sei wohlverstanden nirgends sonst möglich: Tausende mitgebrachte Messer, aber niemand muss sich unsicher fühlen.

Sascha Ruefer und seine Gäste im Studio – alles Männer natürlich und alles ehemalige Schwingerkönige – schaukeln sich gegenseitig zu euphorischen Kommentaren hoch. Das Mantra von den friedlichen Schwingsportfans dient so einem gigantischen Akt der Selbstvergewisserung. Ohne Gegenstück kann dieser Akt nicht funktionieren, und es fällt leicht, das mitzudenken, was dabei unausgesprochen bleibt. Etwa dann, als die Kamera einmal mehr auf ein riesiges Küchenmesser zoomt und Kommentator Stefan Hofmänner beiläufig erwähnt, dass dieses Bild «in jedem Fussballstadion ein Horrorszenario wäre». Der Fussball also – an fast allen anderen Wochenenden des Jahres der populärste Sport in der Schweiz – dient beispielhaft zur Abgrenzung. Der Fussball, dieser migrantisch geprägte Sport, der insbesondere auch in sozialen Milieus zu Hause ist, mit denen das Zuger Schwingfest offensichtlich wenig verbindet.

Alles so schön sauber hier

Aber welche Schweiz ist es denn, die sich hier trifft? Ein Querschnitt der Gesellschaft ist es schon deshalb nicht, weil viel mehr Männer als Frauen da sind. Und doch ist es die Mehrheitsgesellschaft, die sich hier eingefunden hat. Es ist jene Schweiz, deren Meinung etwas mehr zählt als die anderer. Die sich auf 8500 Manntage von Armee und Zivilschutz verlassen darf, wenn sie sich selbst inszenieren will. Jene Schweiz auch, die sich auf Pressemitteilungen von Polizei und Rettungsdiensten verlassen darf, in denen sämtliche Streitereien in den Festzelten, 47 Einlieferungen ins Spital und 64 Behandlungen wegen übermässigen Alkoholkonsums vorauseilend relativiert werden.

Es ist die Schweiz, die in den meisten gesellschaftlichen Fragen über die Deutungshoheit verfügt. Die grosse politische Wucht entfaltet, wenn sie sich bei etwas einig ist. Und die sehr genau versteht, was damit gemeint ist, wenn auf dem Rückweg zum Zuger Bahnhof die Recyclingstationen mit Plakaten versehen sind, auf denen steht: «Entsorgen wie ein Eidgenosse». Wenn diese Schweiz will, dann wird jedes Fest zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

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