Nr. 24/2019 vom 13.06.2019

Warum nicht gleich Untergang

LeÏla Slimani erzählt in «All das zu verlieren» unterhaltsam von Rausch und Verzweiflung einer Sexsüchtigen. Leider lässt sie sich dabei zu etwas gar schematischen Bildern von Frau und Mann hinreissen.

Von Alice Galizia

Von der Kritik gerne missverstanden: Leïla Slimani, hier an einer Veranstaltung in Lausanne im März. Foto: Vittorio Zunino Celotto, Getty

Adèles wichtigster Gegenstand ist ein weisses Klapphandy, von dem niemand etwas weiss: Darin sind die Nummern von Männern gespeichert, mit denen sie geschlafen hat. Und die zumindest so interessant sind, dass die Vorstellung eines zweiten Mals sie nicht zu Tode langweilt. So wirklich Lust verspürt Adèle hingegen kaum je, wenns dann so weit kommt, irgendwo im Hotelzimmer, in einer Gasse, in einem Foyer. Die Männer ekeln sie an, eigentlich, der Sex langweilt sie, meistens – da nützen auch Härte und Gewalt nichts mehr. Sexsucht ist nie verlässlich, weil das Suchtmittel von anderen Menschen abhängt und damit unberechenbar ist. Und eben, meist sind die Männer, die sich Adèle aussucht, im Endeffekt dann doch enttäuschend: zu wenig attraktiv, zu weich, zu langweilig. Trotzdem ist der Sex für sie wichtiger als alles andere, wichtiger als der gute Job als Journalistin, als Ehe und Kind, sogar als ihre einzige wirkliche Freundschaft. Dass Adèle dabei immer dünner und bleicher wird – egal. Wichtiger ist der Rausch.

Lieben als Belastung

LeÏla Slimani zeichnet in «All das zu verlieren» («Dans le jardin de l’ogre») auf bedrückende Weise nach, wie ihre Hauptfigur verzweifelt nach Befriedigung sucht, sie aber kaum jemals findet. Der Roman ist in Frankreich bereits 2014 erschienen. Nach Erfolgen mit «Dann schlaf auch du» («Chanson douce») über eine kindermordende Nanny, für den Slimani den Prix Goncourt erhielt, und «Sex und Lügen» («Sexe et mensonges»), in dem sie mit marokkanischen Frauen über Sexualität spricht, wurde nun auch ihr Debüt auf Deutsch übersetzt.

Stark ist «All das zu verlieren» in den Beschreibungen des inneren Ziehens seiner Protagonistin, das schon längst nicht mehr im aufregenden Anfangsstadium ist, sondern nur noch Routine. Sex ist in diesem Roman nie schön, und geil eigentlich auch nicht. Die allzu kurze Befreiung ist immer mit Schmerz verbunden und mit Wut: «Man muss ein Tier sein, um solche Dinge zu können», denkt sich Adèle, und: «Man darf keinerlei Würde haben.» Sie verspürt für sich und für die allermeisten anderen sowieso kaum mehr als Verachtung. Lieben ist eine Belastung – Verantwortung, etwa für ihren Sohn, die grösste Anstrengung.

Spannender noch wird «All das zu verlieren» dort, wo man Adèles Angst spürt: einer nach aussen scheinbar unverletzlichen Frau, die sich in ihrer Sexualität zum Teil gefährlichen Situationen aussetzt, sich aber gleichzeitig nicht traut, mit der Freundin nachts durch den Park nach Hause zu gehen – wegen der Ratten, die es dort habe. Im Übrigen scheint die Angst auch der Grund dafür zu sein, dass Adèle bei Richard, ihrem Ehemann, bleibt: Ja, er ist fade – aber als gut verdienender Arzt mit dem grössten Wunsch, in einem schönen Haus auf dem Land zu leben und ein zweites Kind zu bekommen, gibt er ihr Sicherheit – finanziell und emotional. Das ist wichtiger als die Konvention, die sie ihrer Freundin als Grund angibt. Es geht nicht darum, dass man das halt macht als Frau, irgendwann heiraten und Kinder bekommen. Sondern darum, irgendwo doch noch einen Halt zu haben: «Ausser ihm hat sie niemanden auf der Welt.»

Wie sie halt sind

Einige KritikerInnen liessen sich zu der Interpretation hinreissen, in diesem Buch sei nachzulesen, was in Frauen vorgehe – allen Frauen, oder zumindest vielen: das ständige Versteckspiel mit den eigenen Gefühlen, die verborgene Innenwelt aus wütendem Brodeln, die im totalen Kontrast zur schönen Fassade stehe. Und dazu die Unfähigkeit der (oder: aller) Männer, all das jemals zu verstehen. Das ist verständlich, weil diese Gedanken bei Slimani tatsächlich mitschwingen, aber: Es ist natürlich Blödsinn. Und es ist ärgerlich, dass dieses Bild des Unverständnisses zwischen Mann und Frau von Slimani selber heraufbeschworen wird, in Sätzen darüber, wie Männer nun mal seien: «Männer betrachten beim Sex ihr Glied. Sie versichern sich, dass es funktioniert. Ein paar Sekunden lang verweilen sie so und studieren die Bewegung, freuen sich vielleicht an der ebenso simplen wie wirkungsvollen Mechanik.»

Kürzlich meinte Slimani gegenüber dem «Tages-Anzeiger», dass Frauen ein geheimes Leben hätten, das Männer – vielleicht bis auf wenige Ausnahmen – gar nicht verstehen könnten und das sie auch nicht interessiere. So zeichnet sie auch Richard, Adèles Ehemann, als Typen ohne Durchblick, der sich in die Psychologie flüchtet: Mit solchen Eltern kann man ja nicht anders rauskommen, oder? Aber man erhält eben auch den Eindruck, dass Slimani selbst keine andere Erklärung für das Verhalten ihrer Protagonistin einfällt. Zum Glück reicht diese aber dann doch nicht ganz aus, um Adèle zu verstehen – was sie im Gegensatz zu den anderen Figuren ein bisschen weniger erwartbar macht. Trotzdem: Interessanter wäre es eigentlich gewesen, es mit Erklärungen ganz bleiben zu lassen. Und Adèle ungestört beim Untergehen zuzuschauen.

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