Nr. 40/2019 vom 03.10.2019

Die grünste Managerin

Für Regula Rytz kannte der Karrierepfeil bisher nur eine Richtung: steil nach oben. In den letzten Jahren hat die ehemalige Exekutivpolitikerin auch die Grünen auf Erfolg getrimmt. Was verheisst das für die Zukunft der Partei? Ein Sommer mit der Präsidentin.

Von Anna Jikhareva (Text) und Ursula Häne (Foto)

Ein kleiner Rytz-Fanklub mitten im SVP-Land: Am 1. August in Birmensdorf kann sie ihre Anschlussfähigkeit unter Beweis stellen.

Bruno Knecht steht am Bahnhof von Birmensdorf und lächelt. Es ist ein sonniger Nachmittag, der Sommer noch voll im Gang. Der Grund für Knechts Freude ist soeben aus der S-Bahn gestiegen. Die grüne Parteipräsidentin Regula Rytz ist in die Zürcher Agglo gekommen, um die Rede zum Nationalfeiertag zu halten. 2015 haben in Birmensdorf 37 Prozent der UrnengängerInnen die SVP gewählt. Die Grünen hatten einen Anteil von unter 5 Prozent.

Ein paar Minuten später biegt das Hybridauto des Gemeindepräsidenten in die Einfahrt eines Bauernhofs. Knecht hat für den Gast aus Bern ein dichtes Programm auf die Beine gestellt: erst Apéro, dann eine Tour durch die Umgebung inklusive Betrachtung des Militärareals, im Anschluss die 1.-August-Feier. 2017 hielt SVP-Ständerat Peter Föhn die Festrede, 2018 Markus Ritter, der oberste Bauer des Landes. Er habe allen Parteipräsidenten geschrieben, sagt Knecht. Auch Komiker habe er angefragt. Die meisten hätten nicht reagiert, Rytz aber habe sofort zugesagt.

Regula bi de Lüt

Auf dem Hof der Familie Dubs zieren Solarzellen die Dächer, überall wehen Schweizer Fähnchen. Um Rytz herum hat sich ein Kreis gebildet, rund zwanzig Personen. Ein kleiner Rytz-Fanklub mitten im SVP-Land. Häppchen werden serviert, dazu Most und Wein, alles aus regionalem Anbau. Bundesbern könnte in diesem Moment nicht weiter weg sein.

Die 57-jährige Rytz weiss um ihre Wirkung, deshalb liebt sie Anlässe wie diesen, hier kann sie ihre Stärke ausspielen: mit den Leuten reden, die eigene Anschlussfähigkeit unter Beweis stellen. «Ich kann pointierte linke Inhalte an die Menschen bringen, ohne dass sie gleich die Tür zuschlagen», sagt sie über sich. Regula bi de Lüt. Ein Spagat, denn aus Volksnähe kann rasch Anbiederung werden. Geduldig beantwortet Rytz alle Fragen, immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Die SVP hat auf dem Hof von Familie Dubs einen schweren Stand – und Rytz entsprechend leichtes Spiel.

Primarlehrerin und Historikerin, Gewerkschaftssekretärin und Exekutivpolitikerin im Berner Gemeinderat, Nationalrätin und Parteipräsidentin: Für Rytz kannte der Karrierepfeil bisher nur eine Richtung – steil nach oben. Nun hat sie Chancen auf einen Sitz im Ständerat. Auch für ihre Partei könnte der 20. Oktober zum grossen Erfolg werden. Vor vier Jahren standen die Grünen noch vor einem Scherbenhaufen, verloren 1,3 Prozent WählerInnenanteil, vier Nationalrats- und einen Ständeratssitz. Damals hagelte es Kritik: Die Partei habe den alten Widerspruch zwischen Partei und Bewegung nicht auflösen können. Die Bevölkerung habe andere Sorgen als die Umwelt, höhnten die Medien.

Wie sie die Grünen aus der Krise führen will, hatte Rytz schon kurz nach der Niederlage verkündet: Zurück auf die Strasse, Druck von unten aufbauen, die direkte Demokratie nutzen. Seither hat sich die strauchelnde Partei mehr als gefangen. Zwar wurden die drei Initiativen, die sie seither lancierte, an der Urne abgelehnt. Sie verlor auch das Referendum gegen die Steuer-AHV-Vorlage, das nicht zuletzt helfen sollte, die Grünen als Wirtschaftspartei zu profilieren und von der SP abzusetzen. Doch in der Zwischenzeit gewann die Partei auch Hunderte neue Mitglieder, legte in den Kantonen zu, in Genf und Zug, Baselland und Luzern. In Zürich gelang ihr mit der Wahl von Martin Neukom in die Baudirektion gar ein Coup.

Auch auf der Strasse läuft es zu ihren Gunsten: 2019 ist das Jahr der Klimabewegung, erst am Wochenende zogen in Bern bis zu 100 000 Menschen durch die Strassen. Die Ausgangslage könnte nicht besser sein. In gut zwei Wochen steht der Realitätstest an. Die neusten Umfragen prognostizieren einen Zuwachs von über drei Prozent, damit wäre die Partei neben den Grünliberalen die Gewinnerin der viel beschworenen «grünen Welle».

Aber wird das grosse Wahlkampfthema Klimaerwärmung der Partei tatsächlich WählerInnen bringen? Kommt sie dann auf über zehn Prozent, landet damit den grössten Erfolg ihrer Parteigeschichte, überflügelt gar die CVP? Wenn ja, macht sie dann den Anspruch auf einen Sitz im Bundesrat geltend? Und was hat der Erfolg der Partei mit ihrer Präsidentin zu tun? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, war die WOZ einen Sommer lang mit Regula Rytz unterwegs: am Nationalfeiertag, am Frauenstreik, an Wahlkampfauftritten.

«Ein ‹animal politique›»

An einem Freitag Mitte September sitzt Rytz im schmucklosen Zimmer ihrer Bundeshausfraktion. Die letzte Session der Legislatur hat eben begonnen. Sie wirkt erschöpft. Jetzt im Wahlkampf jagt ein Termin den nächsten: ein Treffen mit der Klimajugend, ein Kinoabend mit WählerInnen, dazwischen Interviews. Rytz ist dafür bekannt, dass sie sich akribisch vorbereitet. «Dossierfest» ist die häufigste Bezeichnung, die man über sie hört.

In dieser Woche hatte der «Tages-Anzeiger» in Zürich alle ParteipräsidentInnen zur Diskussion geladen. Ein bisschen belangloses Geplapper, gutschweizerischer Konsens, die ewig gleichen Wahlkampfparolen. Zwischen den breitbeinig positionierten Krawattenträgern hatte es Rytz schwer, sich Gehör zu verschaffen. Vielleicht wollte sie auch keine Energie verschwenden. Dafür bekam sie als Einzige Szenenapplaus. «Bravo, Regula!», schallte es aus dem Publikum, da hatte sie noch kein Wort gesagt. Der Rytz-Fanklub, auch in Zürich.

Rytz beschreibt sich als Workaholic. «Wenn ich am Sonntagabend um eins ins Bett falle und am nächsten Morgen um sechs wieder aufstehe, frage ich mich manchmal schon, ob das gesund ist.» Der Arbeitseifer kommt indes nicht überall gut an, parteiintern gilt sie manchen als Kontrollfreak.

Dass Rytz hohe Ansprüche an ihre politische Arbeit hat, attestiert ihr auch Therese Frösch, ihre grüne Vorgängerin in Gemeinde- und Nationalrat. Manchmal übernehme sie sich, findet sie – nur um Rytz im nächsten Augenblick in den höchsten Tönen zu loben. «Sie ist keine reine Grüne, sie kann alles», sagt Frösch über ihre langjährige Mitstreiterin, «ein ‹animal politique›.»

Rytz, die heute mit ihrem Partner im Berner Breitenrainquartier lebt, stammt aus Thun. Ihr Grossvater war FDP-Mitglied und betrieb eine Polstermöbelfabrik, in der sie und ihre Brüder als Jugendliche Dübel einschlugen. «Ein kleinbürgerliches Milieu im alteingesessenen Berner Wirtschaftsumfeld, wo alle einander kennen und sich Aufträge zuschanzen», sagt Rytz. Ihre Mutter kommt aus Schlesien, kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zog sie nach Westdeutschland, lernte dort ihren späteren Mann kennen, ging mit ihm in die Schweiz. Im grossen Haus der Familie am Thunersee gingen lokale KünstlerInnen ebenso ein und aus wie DissidentInnen aus Chile und der DDR. Gerade die Biografie ihrer Mutter habe sie geprägt, sagt Rytz. Sie trat in die örtliche SP-Sektion ein, gründete später das dezidiert linke Grüne Bündnis Bern mit.

Und wenn alle auf grün machen?

Am Anfang ihrer politischen Laufbahn steht der Feminismus: An der Uni Bern, wo sie über Frauenarbeit in der Uhrenindustrie abschliesst, wird Rytz politisiert. Immer geht es ihr auch um Einfluss auf die Institutionen. Mit ihren Mitstreiterinnen protestiert Rytz gegen sexistische Bilder im universitären Senatszimmer, hängt im ganzen Gebäude die Türen aus, löchert den Rektor mit Fragen zur Frauenvertretung in der akademischen Welt – um das Versprochene dann auch gleich einzufordern. Dorthin gehen, wo die Macht sitzt, die Herrschaft im Visier. Ob später in der Berner Exekutive, wo sie acht Jahre lang dem Tiefbaudepartement vorsteht, oder im Nationalrat: Diese Strategie hat sie beibehalten. Entsprechend prägt die Machtfrage auch ihre Funktion im Parteipräsidium. Und auch der Kampf um die Gleichstellung bewegt sie weiterhin.

Am Morgen des 14. Juni steht eine strahlende Regula Rytz auf dem Bundesplatz, sie trägt eine violette Bluse und eine Schärpe der Suffragettenbewegung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts für das Frauenwahlrecht eintrat. Die Menge applaudiert frenetisch, Rytz geniesst sichtlich das Bad in der Menge, posiert mit zwei Mädchen, die sie schüchtern um ein gemeinsames Foto gebeten haben. Soeben hat der Nationalrat eine Streikpause eingelegt, nun saugen die Parlamentarierinnen die elektrisierte Atmosphäre auf. Inmitten all dieser Frauen ist Rytz, die schon beim ersten Frauenstreik 1991 dabei war, voll in ihrem Element. Als hätte sie seit Jahren darauf gewartet. Den Augenblick nutzen, das kann sie gut, die Bernerin setzt ihr gewinnendes Lächeln auf und verteilt Flyer für ihre Kampagne.

Rückblickend beschreibt sie den Frauenstreik als «Eruption». Letztlich sei es aber nicht gelungen, eine nachhaltige neue Bewegung aufzubauen. Dennoch: Dieses Jahr kandidieren so viele Frauen wie nie fürs Parlament, und in keiner anderen Partei sind es so viele wie bei den Grünen. Das liegt auch an den Statuten, die eine angemessene Frauenvertretung garantieren.

Wer mit der Präsidentin darüber sprechen will, wie die Grünen aus der Krise gefunden haben, wähnt sich zuweilen in einem Managementseminar. Von Teamgeist und Kampagnenfähigkeit ist die Rede, von interner Restrukturierung und der Stärkung der Sektionen. Viele schöne Schlagwörter, doch was bedeuten sie genau? Viele Lehren zieht Rytz aus ihrer Arbeit in der Exekutive: Das Wichtigste sei eine motivierende Kommunikation, sagt sie. «Als Politikerin mit einer Minderheitenposition darf man sich nicht verhärten lassen, muss stattdessen aufrecht und vergnügt in die Zukunft gehen.» Will sie etwas bekräftigen, zitiert sie den DDR-Liedermacher Wolf Biermann. «Rabenschwarze Zuversicht» brauche es statt ewiges Lamento. Das ganze Leben ein einziges Biermann-Zitat.

Ende August, fünfzig Tage vor der Wahl, halten die Grünen im Kirchgemeindehaus von Jona im Kanton St. Gallen ihre Delegiertenversammlung ab. Ob in den Motivationsansprachen auf der Bühne oder in den Pausen: Das Klima ist omnipräsent. «Unser Klima. Deine Wahl», damit ja kein Zweifel aufkommt, wofür die Partei steht. Auf den grünen Papiertischdecken stehen Vasen mit Sonnenblumen, es gibt Kaffee und Zopf, später Curry, vegan natürlich, «alles mit Solarstrom gekocht».

Die Delegiertenversammlung illustriert die Herausforderungen, vor denen die Grünen stehen. Unter Regula Rytz sind sie erfolgreich wie lange nicht mehr, werden endlich ernst genommen; gleichzeitig wirken sie so seriös, dass es fast schon bieder wird. Auf der Strecke bleibt zuweilen der Kampfgeist, den die Partei einst verkörperte – und auch ein bisschen der Spass. «Ihr Journalisten seid die Einzigen, die hier noch rauchen», sagt eine Frau neben dem einzigen Aschenbecher weit und breit, sichtlich froh, dass sie sich dazugesellen kann.

Grüne Themen sind längst Mainstream: CO2-Gesetz statt Utopie. «Keine andere Partei ist so 2019 wie wir», ruft Rytz später von der Bühne. Ihre Message: Mögen die anderen Parteien sich einen grünen Anstrich verpassen, das Original sind wir! Die Grünen als Pionierpartei, das ist ihre liebste Erzählung. Doch wenn alle anderen auf Grün machen, was geschieht dann mit den PionierInnen? Drohen sie unterzugehen, wenn Kids den Systemwandel fordern? «Wir wollen nicht, dass das Klima kippt, sondern die Mehrheiten im Parlament», ruft die Präsidentin in den Raum. Und zum Schluss: «Geben wir alles!»

Es ist ein Auftritt, wie man ihn sich von Regula Rytz öfter wünschen würde: kämpferisch statt staatstragend. Für Rytz, die so lange in der Exekutive politisiert hat, scheint dieser Spagat nicht immer ganz einfach zu sein.

Auf dem Weg in den Bundesrat?

Ihr grösster politischer Traum? «Klimagerechtigkeit.» Naturgemäss klingen die umweltpolitischen Rezepte der Grünen so ganz und gar nicht nach Revolution, können sie auch gar nicht. Doch manchmal scheint es, als hätte die Präsidentin in ihrem Bemühen um Mehrheiten zuweilen Angst, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, und sei es nur rhetorisch. Angst auch, Fehler zu machen. «Man soll Stärke nicht mit Lautstärke verwechseln»: Den Spruch diktiert sie JournalistInnen gerne in die Notizblöcke. Manchmal legt sich ein Schleier der Konzilianz über die pointiert linken Inhalte, für die Rytz eigentlich steht.

Eine ähnliche Entwicklung lässt sich auch bei der Schwesterpartei im Nachbarland beobachten. Regelmässig tauscht sich Rytz mit den deutschen Grünen aus. EU-Parlamentarier Reinhard Bütikofer war schon in der Schweiz zu Gast, der bayerische Shootingstar Katharina Schulze ebenfalls. Am Wochenende tritt Rytz gemeinsam mit Parteichef Robert Habeck auf. Wie er die Grünen «aus abgestandenen Klischees herausführt», löst in ihr Bewunderung aus. «Habeck gelingt es, Neugier auf Veränderung zu wecken.»

Von den linken Inhalten ist bei den deutschen Grünen oft nicht mehr viel zu spüren, sie wollen lieber Massenpartei sein. Beides zusammen ist nicht zu haben, zumindest nicht in Deutschland. Auf dem Weg zur Massenpartei sind die Schweizer Grünen zwar nicht, das lässt das politische System gar nicht zu. Doch wenn alles gut läuft, könnten sie im Nationalrat künftig die Mehrheit stellen – zusammen mit SP, GLP, BDP und CVP. Die Frage nach dem Sitz im Bundesrat steht mittlerweile im Raum. Aber wäre das erstrebenswert? «Klar sagen wir nicht Nein, wenn wir einen Sitz der FDP übernehmen könnten.» Da ist sie wieder ganz die Exekutivpolitikerin. Wie das an der Basis ankommt, wird sich zeigen.

Dass Rytz sich zuweilen gerne am Gegner reibt, zeigt sich am 1. August in Birmensdorf. Dem älteren Mann, der ihr «Ich bin sicher kein Grüner!» entgegenblafft, widerspricht sie mit ihrem freundlichsten Lächeln. Auch den obligatorischen Schweizerpsalm singt sie andächtig mit. Zwischen schlechtem Schlager und Blaskapelle, Nationalnostalgie und Hurrapatriotismus macht sie das, was sie am besten kann: ihre Themen unter die Leute bringen. Selbst am Grill macht die Vegetarierin an diesem Tag für einmal eine Ausnahme – und greift zur Wurst.

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