Nr. 39/2019 vom 26.09.2019

Eine Lektion in Demut?

Gegen alle Widerstände deckte der Journalist Juan Moreno auf, wie sein «Spiegel»-Kollege Claas Relotius Geschichten fälschte. Sein Buch zum Fall ist trotzdem keine Abrechnung.

Von Andreas Fagetti

Relotius? Bis vergangenen Dezember war der Name einer breiteren Öffentlichkeit nicht geläufig. Dann explodierte die Bombe: Claas Relotius (32), der gleich viermal den renommierten Deutschen Reporterpreis gewonnen hatte, war nicht der Ausnahmereporter, als der er gefeiert worden war. Tatsächlich war er ein Ausnahmebetrüger, der Dutzende Reportagen fälschte oder erfand. Relotius steht nun für ausgeklügelte journalistische Hochstapelei, für schweren Betrug und für das unglaubliche Versagen des wohl angesehensten Magazins im deutschsprachigen Raum, des «Spiegels».

Juan Moreno, freier Mitarbeiter beim «Spiegel», kam dem Betrüger auf die Schliche, als er Ende 2018 mit Relotius eine Reportage von der US-Grenze schreiben musste. In seinem gefeierten Buch «Tausend Zeilen Lüge» zeichnet Moreno nun nach, wie er das Betrugssystem des Kollegen aufdeckte, wie er, der Familienvater, dabei redaktionsintern selbst unter Druck geriet und um seine berufliche Existenz fürchten musste. Es ist ein gut recherchiertes Buch, es ist ein ehrliches Buch, es ist das Porträt einer abgehobenen Journalistenelite.

Juan Moreno, Kind spanischer Gastarbeiter, brachte mit seinen Recherchen nicht nur Claas Relotius zu Fall – er legt in dem Buch auch seine Verzweiflung, seine Selbstzweifel, seine Existenzängste und seine Motivation offen. Gelegentlich dringt Genugtuung durch die Zeilen, aber das Buch ist keine Abrechnung. Im Gegenteil, Moreno bricht eine Lanze für die Mehrheit der ehrlichen JournalistInnen, jene des «Spiegels» eingeschlossen. Die Branche – auch das ist typisch – hat einen neuen Helden, diesmal einen ehrlichen.

Alles für die Dramaturgie

Als Relotius’ Betrügereien ans Licht kamen, überschlugen sich die KommentatorInnen. Das Problem waren plötzlich nicht der Betrüger und jene, die ihn über Jahre gewähren liessen, darunter auch «Weltwoche»-Chef Roger Köppel. Die Form der Reportage sollte jetzt schuld sein. Wie absurd. Manche sahen die Medienbranche am Ende. Das war sie natürlich nicht, es war bloss ein ziemlich heftiges, reinigendes Gewitter. Juan Moreno sagt auch dazu Kluges: Natürlich könne die Reportage nichts dafür. Diese journalistisch notwendige Form müsse nicht abgeschafft oder gar geächtet werden.

Wer im Feld recherchiert, Widersprüche herausarbeitet, seine Quellen offenlegt, Menschen trifft, sie fair beschreibt und akkurat zitiert, kann selbstverständlich auch nach Relotius noch Reportagen schreiben. Relotius hat all das nicht getan. Wer hingegen aus zwei oder drei realen Protagonisten allein aus dramaturgischen Erwägungen eine Kunstfigur fügt, lässt besser die Finger davon.

Wer führt Regie?

Wie die Branche mit dem Skandal umging, sagt so viel über die problematischen Seiten des Journalismus wie der Skandal selbst: JournalistInnen, gerade die eitlen, erfolgreichen und gefeierten, betrachten sich als Nabel der Welt, manche halten sich sogar für die Welt, sie übertreiben, spitzen zu und räumen nur widerwillig Fehler ein. Für manche ist die Wirklichkeit ein Rohstoff, der sich zu vorgefassten Geschichten modellieren lässt. Dazu gibt es ein unschönes Beispiel im Buch, ein E-Mail, das Moreno von seinem Vorgesetzten erhalten hat. Der gibt ihm Regieanweisungen – wie die Protagonisten zu sein haben, wie sie denken und fühlen sollen. Solche Geschichten findet man nicht auf der Strasse. Man kann sie im Büro schreiben. Dafür braucht es keine Reporter.

Der «Spiegel» hat übrigens erst reagiert, als sich der Betrug nicht mehr leugnen liess. Die direkt verantwortlichen Chefs Ullrich Fichtner und Matthias Geyer ignorierten alle Belege – und problematisierten stattdessen Juan Moreno, den sauber recherchierenden Überbringer der schlechten Nachrichten. Immerhin ging der «Spiegel» mit dem Fall an die Öffentlichkeit, arbeitete ihn auf und publizierte eine ausführliche Rekonstruktion des Betrugssystems. Aber das kommt nicht an Morenos Buch heran. Jeder Mensch mache Fehler, und am besten räume man sie offen ein, so schreibt Moreno. Vielleicht habe der «Spiegel» dabei ja etwas gelernt, was ihm vor dem Fall Relotius eher fremd gewesen sei: Demut.

Juan Moreno: «Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus». Rowohlt. Reinbek 2019. 288 Seiten. 29 Franken.

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