Nr. 38/2019 vom 19.09.2019

Die wiederkehrende Lust auf Blut

Vor der TV-Serie war der Serienmord. David Fincher zerlegt in einer Netflix-Serie geschickt seine eigene und unsere Faszination für Serienkiller. Und er lässt ein FBI-Team über halb gare Hypothesen stolpern.

Von Daniela Janser

Die Algorithmen freuts: Psychologin Dr. Wendy Carr (Anna Torv) tariert das Zuviel an Testosteron und inniger Zwischenmännlichkeit aus. Still: Netflix

Monster und Genie: Das Kino der neunziger Jahre feierte den Serienmörder als hochintelligenten Schöngeist. Vom elitären Menschenfresser Hannibal Lecter in «Das Schweigen der Lämmer» (1991) bis zum Racheengel John Doe in «Se7en» (1995) – das serielle Töten erscheint in diesen brutal erfolgreichen Filmen als Konzeptkunst und monströses Zeichenwerk. Die ErmittlerInnen, aber auch wir Zuschauenden werden heillos mit den charismatischen Killern verstrickt. Im Mörder spiegelt sich wie ein Doppelgänger der kriminalistische Spürhund als direkter Nachkomme von Urdetektiv Sherlock Holmes. Es gilt, die kunstvoll ausgelegten Spuren und Zeichen ebenso kunstvoll zu entziffern – und so das Monster zur Strecke zu bringen.

In seiner Netflix-Serie «Mindhunter», von der gerade die zweite Staffel veröffentlicht wurde, erteilt David Fincher dieser Inszenierung und unserer Killerfaszination eine Absage. Der Regisseur, der mit «Se7en» seine Karriere lanciert hatte, nimmt mit «Mindhunter» Fäden wieder auf, die er 2007 in seinem eigenen, tatsachenbasierten Spielfilm «Zodiac» schon einmal ausgelegt hatte: Neben ein paar geknackten Fällen geht es vor allem um fehlgeleitete und scheiternde Ermittlungen – und um zum Teil bis heute ungelöste Mordserien.

Voyeuristische Gier kitzeln

Die Hauptfigur Holden Ford (Jonathan Groff) ist dem berühmten FBI-Ermittler John E. Douglas nachempfunden, dessen gleichnamiges Sachbuch auch lose als Grundlage für «Mindhunter» dient. Die Serie setzt Ende der siebziger Jahre ein, als mehrere legendäre US-Serienkiller wie der New Yorker «Son of Sam» David Berkowitz oder der «Schülerinnen-Killer» Ed Kemper bereits inhaftiert waren, ebenso Guru und Mordanstifter Charles Manson. Sie werden nun von MitarbeiterInnen der in ihren Anfängen mehr geduldeten als geförderten «Behavioral Science Unit» des FBI interviewt. Die neuen AufklärerInnen rund um Holden Ford arbeiten unter Tag: im Kellerbüro oder in den fensterlosen Verhörräumen der Hochsicherheitsgefängnisse. Wenn sie nicht gerade tagelang durchs Land touren, um den Cops an der Front Nachhilfeunterricht in Killerfrüherkennung zu geben.

Dabei ist diese Mindhunter-Crew selbst noch wenig sattelfest in ihren Profiler-Methoden. Die Suche nach kategorisierbaren Mordmotiven und psychologischen Mustern verläuft schleppend. Die medial geschürten Celebrity-Anwandlungen der oft nicht gerade hellen, aber umso verblendeteren Killer sind Störfaktoren, ebenso Eitelkeiten, aber auch privater Knatsch der ErmittlerInnen. Das FBI will der seriellen Blutlust mit sauberer Wissenschaft auf die Spur kommen – und muss sich im entscheidenden Moment doch die Hände schmutzig machen: Wie viel Vertrautheit mit Serienmördern darf sein, um der Wahrheit näher zu kommen?

Die voyeuristische Sensationsgier von uns ZuschauerInnen kühlt die actionarme Serie mit ihrem Fokus auf Befragungen und Analysen klug ab. Im Vorspann verzahnen sich Bilder der sterilen Aufnahmegeräte fürs Verhör mit grusligen Tatortfotos, die aber immer bloss aufblitzen und blutrünstige Erwartungen nur flüchtig kitzeln, nie befriedigen.

Nachtseite der Vernunft

Wie bei allen Produkten von Streamingplattformen schaut man in «Mindhunter» nicht nur den ErmittlerInnen, sondern auch den Algorithmen bei der Arbeit zu: Das Zuviel an Testosteron und inniger Zwischenmännlichkeit wird mit der attraktiven lesbischen Psychologin Dr. Carr (Anna Torv) austariert. Dem genialisch verstockten Ford stellt man einen bodenständigen und redegewandten älteren Agenten zur Seite. Diese gar offenkundige Rechenleistung des Algorithmus ist allerdings gut verpackt ins elegante Regiehandwerk von David Fincher und Co., der es auch auf dem kleinen Bildschirm schafft, eine bestechende visuelle Signatur zu entwickeln. Jeder dieser in die typische metallgelbe Fincher-Farbe getauchten Frames ist viel sorgfältiger komponiert, als man das von Netflix-Produktionen gewohnt ist. Diese Bilder machen süchtig. Aber auch die mäandernde Langsamkeit entwickelt einen unerwarteten Sog.

Der Hauptfall der zweiten Staffel von «Mindhunter» ist eine unheimliche Mordserie an schwarzen Kids in der Stadt Atlanta. Die Ermittlungen sind durch Rassismus im Polizeiapparat und durch politische Berechnung blockiert. Das FBI verengt das Blickfeld zusätzlich mit der Devise, man suche zweifelsfrei einen schwarzen Täter: Die fixe Idee lautet, dass Serienkiller stets innerhalb der eigenen Ethnie morden. Irgendwann rennt Holden in dieser Hochburg des Ku-Klux-Klans wie besinnungslos mit einem weissen Kreuz an die Spitze eines schwarzen Trauermarschs. Er hofft, so den Killer anzulocken.

Nicht nur in dieser Szene werden die FBI-AufklärerInnen von der Nachtseite ihrer eigenen Vernunft und von anderen dunklen Wahrnehmungsflecken heimgesucht. Und in uns ZuschauerInnen, die wir ja immer zwischen Mörder und Ermittlerin pendeln, lässt «Mindhunter» mitunter die Frage wachsen, woher unsere eigenen seriellen Gelüste kommen.

Die erste und zweite Staffel von «Mindhunter» gibt es auf Netflix zu sehen.

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