Nr. 36/2019 vom 05.09.2019

Schwelgen im Weltuntergang

Auf ihrem neuen Album beschwört Lana Del Rey abermals die grossen und kleinen Apokalypsen. In ihrer morbiden Nostalgie klingt sie dabei differenzierter denn je.

Von David Hunziker

Hedonistisch belämmert der Endzeit entgegen: Lana Del Rey. Foto: Universal Music

Wir reisen in die Vergangenheit, nach Kalifornien, und Lana Del Rey sehnt sich wieder nur nach dem einen: tot zu sein. Es beginnt schon bei der Bar, in der sie mit ihrem Babe damals tanzte. Hier hatte sich einst auch der Beach-Boys-Drummer Dennis Wilson betrunken, bevor er in einer Bucht vor Los Angeles ertrank. Über Gitarrenhall und cineastischen Streichern singt Lana Del Rey mit ihrer betörenden Stimme: Die Nächte sind heiss, sie feiern, sind high, aber niemand warnt sie vor dem drohenden Untergang. Das ist er, der apokalyptische Kern, um den sich Lana Del Reys Musik seit Anbeginn dreht. Die Bucht, in der Wilson zu Tode kam: Marina del Rey.

«The Greatest» heisst dieser Song vom neuen Album «Norman Fucking Rockwell!», und es wirkt wie ein kleiner Scherz, dass sein Titel auch an Trumps Great America erinnern könnte. Manche halten Lana Del Reys Nostalgie für konservativ, eine Sehnsucht nach einer Zeit, als Hollywood in vollem Glanz erstrahlte und die Mädchen in den starken Armen jener Typen lagen, die sie in ihren Songs manchmal besingt. Doch so einfach ist es nicht. Im Video zu «The Greatest» singt sie zu einer Jukebox im Fünfziger-Jahre-Look, der Song ist eingereiht neben hippem Gegenwartspop von Bon Iver und The National. Der Songtitel aber meint: «the greatest loss», der grösste Verlust.

Gibt es Leben auf dem Mars?

Bloss, was geht hier eigentlich unter? Es gibt in «The Greatest» diese schöne, mehrdeutige Zeile: «the culture is lit», die Kultur ist aufregend, wie unter Drogen oder ganz wörtlich entzündet. Am Schluss des Songs steht L. A. in Flammen, und man träumt vom Leben auf dem Mars. Ist das nun die Hitze der Klimakatastrophe, samt der hedonistischen Endzeitbelämmerung, in der wir zu versinken drohen?

Die Journalistin Sasha Geffen argumentierte in einem Essay, dass Lana Del Reys Apokalypse eine ökologische sei. Die entsprechenden Bilder übersieht man leicht, dabei sind sie überall: Im «Love»-Video schickt sie die Kids, zu denen sie singt, auf eine Reise zu einem anderen Planeten. Die Videos zu «Freak» und «Lust for Life» zeigen die Erde aus dem All, in Letzterem sind die Lichter auf der Erde zu einem Peace-Zeichen angeordnet. Schon «Video Games», mit dem Lana Del Rey schlagartig berühmt wurde, begann mit der Einstellung einer dystopisch anmutenden Landschaft, die in Stürmen und Flammen aufgeht.

«Video Games» war ein Song wie ein Opiumrausch, minimalistisch arrangiert mit Streichern – immer mit Streichern! – und einer zauberhaften Harfe. Die völlige Hingabe in einer Liebesbeziehung («It’s you, it’s you, it’s all for you, everything I do») wurde Lana Del Rey von manchen als antifeministisch ausgelegt. Aber kann man die Simulation und das verführerische Spiel, um die es hier geht, nicht auch als Metapher auf die Popmusik verstehen? Dann spricht sie in dem Song auch mit uns: Als Star dient sie nur uns, es ist unsere Liebe, die sie braucht, damit sie leben kann.

Immer irgendwie zugedröhnt

Die Flucht in den düsteren Liebesrausch ist bei Lana Del Rey quasi das private Gegenstück zum Weltuntergang. Auf dem neuen Album heisst das «Fuck It I Love You», über das gemeinsame Video direkt mit der Untergangshymne «The Greatest» verbunden. Die Liebe, von der sie da erzählt, tut ihr nicht gut, aber irgendwie geniesst sie es trotzdem, und der Stoff, den sie sich in die Venen spritzt, erledigt den Rest. So ähnlich geht es einem ja auch mit dieser bittersüssen Musik, in der man sich immer ein bisschen wohler fühlt, als einem lieb ist.

Die musikalische Formel ist bei Lana Del Rey immer etwa die gleiche geblieben: melancholische bis melodramatische Balladen mit Sounds wie aus alten Filmsoundtracks oder Vintage-Psychedelic-Rock, ab und an ein Gitarrensolo oder ein Hip-Hop-Beat. Diese Klangkulisse ist stets dezent und wolkig gehalten, kein Element drängt sich am Gesang vorbei. Wenn Lana Del Rey singt, klingt sie immer irgendwie zugedröhnt, morbid oder lasziv, ohne dabei eine Spur von Schwäche erkennen zu lassen.

Nein, Lana Del Rey muss sich nicht neu erfinden, wie das eine wie Taylor Swift ständig tut. Doch natürlich entwickelt sich ihre Musik, auf «Norman Fucking Rockwell!», ihrem vielleicht besten Album, klingt sie so differenziert wie nie zuvor. Hier braucht es keine Knalleffekte oder überladene Produktion, um Wucht und emotionale Tiefe zu erzeugen. Das zehnminütige «Venice Bitch» driftet von einer einfachen Folknummer ab in heulende Fuzzgitarren und Synthesizer. Songs wie «Mariners Apartment Complex» und «Hope Is a Dangerous Thing for a Woman like Me to Have – but I Have It» entfalten mit subtilen harmonischen Verschiebungen eine maximale Dramatik.

Absurderweise hat es diese Konsistenz gebraucht, um die KritikerInnengilde zu überzeugen. Zuweilen vergisst ja sogar diese die Spielregeln des Pop, und so wurde der gebürtigen Elizabeth Grant einst mangelnde Authentizität vorgeworfen: Wackelige Liveauftritte liessen an ihrem Talent zweifeln, ihr operiertes Gesicht an ihrem Charakter, ihre selbstbezogenen Texte an ihrer Haltung. Aber Lana Del Rey wird dir die Welt nicht erklären, sie lässt sie nur untergehen.

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