Nr. 35/2019 vom 29.08.2019

Die Kraft der Frauen

Die Juso verliert mit dem Rücktritt von Tamara Funiciello als Präsidentin ihr bekanntestes Gesicht. Macht nichts. Die konsequent feministische Haltung unter Funiciello hat die JungsozialistInnen gestärkt und vergrössert.

Von Jan Jirát

Macht sich keine Sorgen um die Zukunft der Juso: Tamara Funiciello, hier im Juli 2016. Foto: Ursula Häne

Die Juso wählt dieses Wochenende ein neues Präsidium. Schon jetzt steht fest, dass nach Tamara Funiciello, die im Herbst den Sprung in den Nationalrat schaffen will, wiederum eine Frau an der Spitze der sozialdemokratischen Jungpartei stehen wird.

Zur Wahl stellen sich die Baselbieterin Ronja Jansen und die Aargauerin Mia Jenni. Beide sind 24 Jahre alt, beide in kleineren, aber stadtnahen Gemeinden und in politisch interessierten Familien aufgewachsen, und beide gehen derzeit an die Uni. Auch inhaltlich sind kaum Differenzen zwischen Jansen und Jenni auszumachen. Beide positionieren sich als klar antikapitalistisch und feministisch. Ein Interview mit dem «Blick» führten sie Anfang August bewusst miteinander. «Ein Wahlkampf gegeneinander, das wäre antifeministisch», sagten sie.

Im persönlichen Gespräch treten dann doch feine Unterschiede zutage. Jansen kam über die 1 : 12-Initiative und Verteilungsfragen in die Juso, bei Jenni war das Erschrecken über die Annahme der «Masseneinwanderungsinitiative» im Februar 2014 ein wichtiger Auslöser. Jansen scheint die ökologische Frage etwas höher zu gewichten und strebt eine engere Verknüpfung von Klima- und Frauenbewegung an, während Jenni eine leicht pointiertere queerfeministische Haltung hat und die Juso klar antifaschistisch aufstellen möchte.

In einem entscheidenden Punkt herrscht wiederum Einigkeit: Beide wollen die Arbeit ihrer Vorgängerin fortführen und weiterentwickeln. Tatsächlich hat die Juso unter Funiciello nochmals an Profil gewonnen. Sie ist heute die mit Abstand relevanteste Jungpartei im Land. Noch vor einem Jahrzehnt war das ganz anders.

Die Ära Wermuth

«Ich erinnere mich an eine nationale Delegiertenversammlung der Juso Mitte der nuller Jahre. Da waren höchstens dreissig Leute anwesend – und wir waren hauptsächlich mit uns selbst beschäftigt», sagt Cédric Wermuth. Inzwischen seien es bis zu zehnmal mehr. Doch schon damals hätten Leute wie Adrian Zimmermann und Rebekka Wyler einen Linksrutsch innerhalb der Partei eingeläutet. «Entscheidend war dann die Wahlschlappe der SP bei den nationalen Wahlen 2007. Christian Levrat, damals neu gewählter SP-Präsident, war bereit, Neues auszuprobieren. Dazu gehörte auch der Entschluss, das Juso-Präsidium zu finanzieren.»

Als Wermuth im Sommer 2008 die Wahl zum Juso-Präsidenten gewann, legte er den Fokus bewusst auf eine Personalisierung. Der Plan – «völlig planlos umgesetzt» – ging auf. Durch gezielte Provokationen, etwa das öffentliche Rauchen eines Joints, vervielfachte sich die mediale Präsenz, wie ein Abgleich in der Schweizer Mediendatenbank ergibt. Damals begann die Juso-Führung aber auch, vermehrt auf interne Schulungen zu setzen, und organisierte etwa Sommerlager.

Folgen dieser Neuausrichtung waren ein deutlicher Mitgliederzuwachs, ein Rollenverständnis als linke Flanke der Mutterpartei und die Fähigkeit, eigene Initiativen zu stemmen, wie etwa die vor sechs Jahren heftig und letztlich erfolgreich bekämpfte 1 : 12-Initiative. Innerhalb weniger Jahre war die Juso zur auffälligsten und aktivsten Jungpartei geworden.

Die Ära Funiciello

Auf Wermuth folgten mit dem Luzerner David Roth und dem Zürcher Fabian Molina zwei junge Männer, die den eingeschlagenen Weg durchaus erfolgreich weiterführten, aber auch nicht gross weiterentwickelten. Das änderte sich im Sommer 2016, als die in der Berner Reitschule sozialisierte Tamara Funiciello das Juso-Präsidium übernahm.

«Die beste Sache, die wir innerhalb der Juso aufgebaut haben, sind sogenannte Frauenräume. Physische Räume, aber teils auch Chatgruppen, die exklusiv nur Frauen offenstehen. Dort haben wir uns in geleiteten Diskussionen über unsere Erfahrungen ausgetauscht, etwa zu sexueller Gewalt oder zum Thema, dass wir in Diskussionen oft übergangen werden», sagt Funiciello. Das sei «unfassbar befreiend» gewesen. Dadurch sei die «strukturelle Dimension» der Benachteiligungen erfahrbar geworden. Anschliessend habe man kollektiv nach Lösungen und Strategien gesucht, um sich gegenseitig zu unterstützen und zu ermächtigen.

Die Juso setzte unter Funiciello konsequent auf eine feministische Perspektive und Haltung, wodurch neue Felder ins Zentrum der Parteipolitik gesetzt wurden, etwa die (unbezahlte) Care-Arbeit, die Reduzierung der Arbeitszeit oder eine bedürfnisorientierte Perspektive auf die Welt, die unweigerlich zur Forderung nach einer intakten Umwelt führt. Diese Haltung führte auch zu Konflikten mit der Mutterpartei. So bekämpfte die Juso 2017 sehr zum Unwillen der SP die Rentenreform, die eine Erhöhung des Frauenrentenalters vorsah.

Der neue, feministisch geprägte Kurs hat die Juso gestärkt, vergrössert und auch verjüngt, wie Funiciello festhält, was sich auch darin zeigt, dass die Partei eine prägende Rolle in der Klimabewegung spielt und den Frauenstreik mit organisierte. Um die Zukunft der Partei macht sich Funiciello jedenfalls keine Sorgen. «Die feministisch geprägten Netzwerke, die wir in den letzten drei Jahren aufgebaut haben, werden die neue Präsidentin tragen – so wie sie das auch bei mir getan haben.»

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