Nr. 34/2019 vom 22.08.2019

Böser Bube, guter Bube

Mit ihrer volkstümlichen Mundartmusik verdienen Gölä und Trauffer Millionen. Wie sie politisch ticken, erfährt man, wenn sie über Frauen und Männer reden.

Von David Hunziker (Text) und Ursula Häne (Foto)

Warum ist vorher niemand auf diese Geschäftsidee gekommen? Gölä und Trauffer auf dem Dach des Büetzer-Buebe-Promobusses.

Beim Thema Frauen sind Gölä und Trauffer sich während des Gesprächs zum ersten Mal nicht einig. Die beiden sitzen auf der Dachterrasse des schwarzen Trucks, der extra für die Promotion ihres Mundartprojekts Büetzer Buebe gebaut wurde. Er ist in Büren an der Aare abgestellt, vor der Fabrik eines ihrer Sponsoren. Seine Frau sei für ihn ein Ruhepol, sagt Gölä. «Trauffer und ich sind schon etwas nervös auf die Welt gekommen, mit uns hast du kein einfaches Los gezogen als Frau.» Trauffer widerspricht in humorvollem Tonfall: «Von dieser Aussage muss ich mich klar distanzieren – zu Hause koche ich, kaufe ein und helfe beim Putzen.» Gölä setzt ein bübisches Grinsen auf und gibt, in Anspielung auf Trauffers Holzspielzeugfabrik, zurück: «Grössten Respekt vor deiner Frau, die mit einem Mann zusammen ist, der seine Karriere darauf aufgebaut hat, Arschlöcher in Kühe zu bohren.»

Gölä und Trauffer sind die kommerziell erfolgreichsten Mundartmusiker der Schweiz, ja sie haben dieses Genre auf ein ganz neues Level gehoben. Als Büetzer Buebe haben die beiden Berner Oberländer geschafft, was hiesigen MusikerInnen noch nie gelungen ist: das Zürcher Letzigrundstadion mit einer Kapazität von 48 000 Plätzen zu füllen. Weil das Konzert im nächsten August so schnell ausverkauft war, hängen die beiden sogar noch ein weiteres an. Wenn es ihnen gelingt, auch dafür sämtliche Tickets zu verkaufen, werden die beiden Schätzungen zufolge mindestens acht Millionen Franken einnehmen – die Einnahmen aus Sponsoring, Fanartikeln und ihrem gerade erschienenen Album «Büetzer Buebe» noch nicht mitgezählt. Doch was ist das für eine Welt, in der sich so viele SchweizerInnen wohlzufühlen scheinen?

«Sie isch treu»

Ein Schelm, wer bei Göläs Spruch mit den Kühen und den Arschlöchern an Analsex und Homosexualität gedacht hat. Tatsächlich ist die Musik von Gölä und Trauffer nie unanständig. Zum Beispiel ihr Song «Maa gäge Maa», den sie dieses Wochenende als offizielle Hymne des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests in Zug vortragen werden. Der Titel und die sich aneinander reibenden Männerkörper im Video könnten einen an Rammsteins «Mann gegen Mann» erinnern, nur dass die Homoerotik bei Gölä und Trauffer eben nicht ausgesprochen wird, und statt mit Knüppelgitarren ist ihr seichter Poprocksong mit einem pathetischen Jodelchor glasiert. Da passt natürlich auch die Jungfrau wunderbar ins Bild, nein, keine Unbefleckte eben, sondern der Berg im Berner Oberland, auf dessen Gipfel Gölä und Trauffer im Video zum Stück zusammen Gitarre spielen.

Wenn man sich das Album «Büetzer Buebe» anhört, fällt auf: Häufiger als um Büezer geht es darauf um Frauen. Und ob Mann nun gerade mit ihr anbandelt («Meitschi tanz dür d’Nacht») oder sie ihm nach langer Partnerschaft seine Fehler verzeiht («Herti Schale, weiche Chärn»), irgendwie sind diese Frauen für den Mann immer ein Zufluchtsort und als solcher eng verknüpft mit dem anderen grossen Thema dieser volkstümlichen Rockmusik: der Heimat.

Zum Beispiel im nach einem Traktorhersteller benannten Song «John Deere», der wie eine Lektion fürs Leben daherkommt. Ein junger Mann, der schon als Kind im Stall «chrampfet», entflieht dem Landleben in Richtung Stadt – «uf u dervo». Doch die Stadt meint es nicht gut mit ihm, er muss lernen, dass man auch mit tausend Freunden alleine sein kann und dass nicht jede Frau gut für ihn ist, nur weil sie gut ist im Bett. «Ziit für hei» – der junge Mann kehrt auf den Hof seiner Eltern zurück, gründet eine Familie – und ist «ersch jez würklech frei». Und hier sind auch die Frauen wieder gut zu ihm: «Sis Meitschi luegt ihm nache u er weiss, sie isch treu.»

Mundartmusik als KMU

«Uf u dervo» – Gölä weiss, wovon er singt. Gerne erzählt er von seinen Abenteuern, wie er über Ozeane gesegelt oder in Australien mit Aborigines abgestürzt ist. Marco Pfeuti, der sich neben seinem Übernamen Gölä einst «Burn» nannte, um es mit englischsprachiger Musik in der grossen, weiten Welt zu versuchen, ist auch ein gescheiterter internationaler Rockstar. «Ich habe Zigeunerblut in mir», sagt Gölä. «Ich will diesen Planeten riechen mit all seinen verschiedenen Kulturen.» Nach ein paar Minuten meldet sich Trauffer wieder zu Wort: «Ich bin das pure Gegenteil, nach vier Tagen im Ausland will ich wieder nach Hause. Ich habe meine Bestimmung gefunden, bei meiner Firma im Berner Oberland, die ich einst weit von mir weggestossen habe, die aber so tief in mir drin ist.»

Man muss nicht mal ein Linker sein, um es absurd zu finden, dass die beiden sich beharrlich als «Büezer» bezeichnen. Gölä und Trauffer, der eine gelernter Autolackierer, der andere Maurer, haben längst auf die Unternehmerseite gewechselt. Trauffer ist Erbe eines kleinen Familienunternehmens, das Kühe und anderes Holzspielzeug in die ganze Welt liefert. Und Gölä hat schon vor längerer Zeit begriffen, dass man mit Mundartmusik viel Geld verdienen kann, wenn man sie als KMU vertreibt – ein Geschäftsmodell, das die Büetzer Buebe konsequent weiterverfolgen.

Entscheidend geprägt wurde dieses Modell von TJ Gyger, früher Keyboarder in Göläs Band, später Produzent und Stratege. Der Clou dabei: für die Vermarktung der Musik nicht mehr auf die Kanäle der grossen Player im Musikbusiness wie Labels, Streamingdienste oder Medien zu setzen, sondern die Sache selber in die Hand zu nehmen. 2016 wurde Göläs Album «Stärn» in der ganzen Schweiz in Bäckereien aufgelegt, «Urchig» mit Jodelversionen von Gölä-Hits 2017 dann an Valora-Kiosken, wo mehr als 20 000 Stück verkauft wurden.

Beteiligt war Gyger auch an der Vermarktung von Marc A. Trauffer als «Alpentainer». Statt in herkömmlichen Veranstaltungsorten in den Städten spielte Trauffer auf seiner erfolgreichen Tour 2018 vor allem in Mehrzweckhallen in Orten wie Langenthal, Bülach oder Wattwil. Das passt nicht nur zum antiurbanen Narrativ der Musik, sondern ist auch lukrativ: An Ständen gab es bis in die Nacht hinein Raclette, Bier und unzählige Trauffer-Produkte zu kaufen. Die beiden Konzerte im Letzigrund nun werden von der zu diesem Zweck gegründeten Büetzer Buebe AG, für die TJ Gyger als Geschäftsführer amtet, im Alleingang veranstaltet.

Nur ein Fliegenschiss

Wieso ist noch niemand auf diese Idee gekommen? Gölä erklärt: «Die meisten, die solche Konzerte spielen, sind Künstler – wir sind nur Hobbymusiker.» Dann kommt die Büezer-Geschichte, die vom sozialen Aufstieg durch harte Arbeit: Er sei in der Beiz aufgewachsen, als Kind schon am Arbeiten gewesen, dann auf dem Bau, bis der Erfolg mit der Musik kam. «Vom Gitarrespielen und von Noten habe ich keine Ahnung, ich kann nicht einmal den ‹Schwan› auswendig.» Konzerte würden ihm bis heute eher Lampenfieber als Spass bereiten, sagt Gölä. Trauffer ergänzt die Unternehmerperspektive: «Wir wollten diese Konzerte auch machen, weil wir risikofreudig sind. Es wusste vorher ja niemand, ob das tatsächlich funktioniert.»

Wenn Gölä und Trauffer über ihr Geschäft sprechen, ist immer alles ein bisschen klein: Man macht eben keine Kunst, nur Unterhaltung, und im Vergleich zu Robbie Williams ist man eh nur ein Fliegenschiss. «Vielleicht haben wir Erfolg, weil wir unsere Sachen einfacher rüberbringen als andere», sagt Gölä. «Man sagt ja gerne über uns, wir hätten einen kleinen Geist, aber für mich ist das gar keine Beleidigung.»

Diese Rhetorik, Geld und Macht kleinzureden und sich als volkstümliche Büezer zu geben, kennen wir natürlich von unserer Volkspartei. In diesem politischen Spektrum ist einer wie Gölä auch zu verorten. Vor zwei Jahren hat er im «Blick» über Sozialschmarotzer und die viel zu linke Schweiz gewettert. Bei Trauffer ist die Sache nicht so klar. Als Stiftungsrat des Freilichtmuseums Ballenberg in seiner Heimatgemeinde Hofstetten bei Brienz soll Trauffer 2014 bei der Absetzung der linken Historikerin Katrin Rieder als Leiterin mitgewirkt haben – die Beteiligten schweigen bis heute. Im Gespräch gibt sich Trauffer betont gemässigt. Er erzählt von seinem Engagement gegen die No-Billag-Initiative und für die AHV-Revision; Greta Thunberg findet er «tipptopp», weil sie seine Tochter zum Denken anrege. «Ich bin die normal denkende Mitte, die langsam wegbricht», ist Trauffer überzeugt.

So geht es in diesem Gespräch immer wieder: Gölä macht einen grobschlächtigen Spruch, Trauffer besänftigt – wie ein gut eingespieltes Paar: böser Bube, guter Bube.

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