Nr. 32/2019 vom 08.08.2019

Müssen Sie im Sommer vor den Touristen fliehen?

Der italienische Autor Marco d’Eramo beleuchtet in seinem Buch «Die Welt im Selfie» unser touristisches Zeitalter. Ein Gespräch über die Veränderungen in seiner Heimatstadt Rom und darüber, warum der 71-Jährige wenig Verständnis für «Tourists, go home!»-Proteste hat.

Von Daniel Hackbarth (Interview) und Simone Tramonte (Foto), Rom

Marco d’Eramo auf seiner Römer Dachterrasse: «Man sollte sich schon fragen, ob es klug ist, die Hand zu beissen, die einen nährt.»

WOZ: Marco d’Eramo, wo werden Sie den August verbringen?
Marco d’Eramo: Hier in Rom natürlich.

Sie bleiben trotz all der Touristen, die im Sommer kommen?
Ja, denn im August ist in Rom Nebensaison, weil es so heiss ist. Wenn man hier lebt, ist das also ein wunderbarer Moment. Die Hotelpreise sind im Oktober am höchsten, dann ist die Stadt wirklich völlig überlaufen.

Haben Sie Ihr ganzes Leben in Rom verbracht?
Nein, ich habe in Paris studiert, einige Jahre in den USA gelebt und gearbeitet und bin viel gereist. Eigentlich fühle ich mich sogar eher in Paris zu Hause als in Rom, weil ich dort einen wichtigen Teil meiner Jugend verbracht habe und auch Liebesbeziehungen hatte.

Worin unterscheidet sich Rom von anderen beliebten Metropolen?
Die grössten Touristenattraktionen in Europa sind Paris und London. Obwohl diese Städte nicht so viele Sehenswürdigkeiten haben wie Rom, ziehen sie nicht nur drei Mal so viele Touristen an, sondern diese bleiben auch noch im Schnitt drei Mal länger. Hinzu kommt, dass Touristen auch mehrmals nach London und Paris reisen, während Rom typischerweise nur ein Mal besucht wird und dann nie wieder.

Wie lange wohnen Sie schon in dieser herrlichen Wohnung in der Nähe des Kolosseums?
Ich habe sie vor vierzig Jahren gekauft, heute könnte ich mir das nicht mehr leisten. Zur Jahrtausendwende haben in den vierzig Wohnungen hier im Block ausschliesslich Menschen aus der Mittelschicht gelebt, jetzt sind siebzehn davon Ferien- und Airbnb-Apartments. Drei oder vier sind zudem an bengalische Immigranten vermietet – jeweils an zwanzig Personen, von denen jeder einen Teil der Miete bezahlt. In der Summe ist das ein lukratives Geschäft. Jedenfalls kann ich bestätigen: Ja, Rom hat sich enorm verändert.

Und verantwortlich dafür sind die Touristen?
Nun ja, man hört zwar oft, dass der Tourismus zur allmählichen Entvölkerung der Innenstädte führt. Daran ist aber eigentlich der Kapitalismus schuld, denn die Entvölkerung hat nichts mit dem Tourismus zu tun: Nehmen Sie Chicago als Beispiel, das lange Zeit praktisch keine Touristen kannte, wo aber die Menschen trotzdem aus dem Zentrum verdrängt wurden. Das liegt schlicht in der Logik der Mietpreisentwicklung – wenn sich die Mittelschicht oder Ladenbesitzer die Mieten nicht mehr leisten können, ziehen sie weg.

Aber der Tourismus dürfte es doch noch schlimmer machen, weil er Wohnraum verknappt und so die Mieten nach oben treibt?
Auch da wäre ich vorsichtig. Als ich mein Buch in Venedig vorgestellt habe, jammerten Leute aus dem Publikum: «Ach, in der Zeit vor diesem ganzen Massentourismus lebten hier im historischen Zentrum einmal 150 000 Menschen, jetzt sind es nur noch 50 000.» Meine Antwort: «Okay, aber ohne Tourismus wärt ihr vielleicht nur 5000.» Das Hauptproblem dieser Städte ist nicht, dass es Tourismus gibt, sondern dass es daneben nichts anderes gibt. Man darf Ursache und Wirkung nicht verwechseln: Tourismus ist häufig ein Ausweg für Städte, die ihre anderen Industrien verloren haben.

Wie beurteilen Sie Initiativen, die sich gegen den Tourismus wenden? In Barcelona etwa …
Ach, hören Sie mir mit den Katalanen und ihrer Sorge um die Identität auf, die angeblich von den vielen Besuchern bedroht wird! Schon wenn ich das Wort «Identität» höre, bekomme ich Ausschlag. Was soll denn das überhaupt sein? Wenn man an die sechziger Jahre zurückdenkt, hat damals niemand diesen Begriff gebraucht. Stattdessen gab es unzählige Artikel über die Klasse und die Revolution, aber nicht über diese leidigen Identitätsfragen.

Der Zeitgeist ist vermutlich konservativer.
Mag sein, aber vor allem zeigt das eine terminologische Verschiebung an. Bei den Recherchen zu meinem Buch über Chicago habe ich mir alte Zeitungen angeschaut, die sich an die verschiedenen ethnischen Gruppen richteten, die in der Stadt lebten – zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden dort an die fünfzig verschiedene Bevölkerungsgruppen gezählt. In einer Ausgabe einer griechischen Zeitung stiess ich auf die Meldung: «Gestern kämpfte die griechische mit der italienischen Rasse.» Wenn man sich den Artikel dann übrigens genauer anschaut, stellt sich heraus, dass es nur um eine Prügelei zwischen einem italienischen Obsthändler und einem griechischen Metzger ging. Jedenfalls sprach man damals noch nicht von «Identität», sondern von «Rasse» oder «Blut», gemeint war aber fast exakt dasselbe.

Wieso nur «fast»?
Es ist nicht dasselbe, weil «Rasse» sich auf die Biologie bezieht. So konnte man nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr sprechen. Man musste das Biologische gewissermassen ins Kulturelle uminterpretieren – das Ergebnis ist die Rede von der Identität. Aber um auf den Widerstand gegen Tourismus zurückzukommen: Man sollte sich schon fragen, ob es klug ist, die Hand zu beissen, die einen nährt. Oder wie es die Ökonomin Joan Robinson formuliert hat: Ausgebeutet zu werden, ist schrecklich. Aber noch schrecklicher ist es, wenn es nicht einmal jemanden gibt, der einen ausbeutet.

Marco d’Eramos Erkundung der Geschichte Chicagos ist 1996 unter dem Titel «Das Schwein und der Wolkenkratzer» erschienen.

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