Nr. 29/2019 vom 18.07.2019

Die AfD-Gouvernante

Die LeserInnen am rechten Rand ködern, bis man sie zurückpfeifen muss: Über Deutschland- und andere Strategien der NZZ.

Von Daniela Janser

Mit einigem Getöse fiel der NZZ vor Wochenfrist ihre eigene Deutschlandstrategie auf die Füsse. Plötzlich musste man sich von eben noch aufwendig umgarnten FreundInnen distanzieren und deren Komplimente zurückweisen: «Auch bei deutschen Medien arbeiten ausgezeichnete Journalisten und Journalistinnen», liess die NZZ per Twitter verlauten. Wer hatte das Gegenteil behauptet? Kein Geringerer als Hans-Georg Maassen, wegpensionierter Exchef des deutschen Verfassungsschutzes mit klarem Rechtsdrall und von der NZZ bis vor kurzem liebevoll als «Querkopf» mit «Mut zur eigenen Haltung» beschrieben. «Für mich ist die NZZ so etwas wie ‹Westfernsehen›», hatte er getwittert, was wohl heissen sollte, dass die deutschen Medien gleichgeschaltet sind, die NZZ aber eine Insel der Freiheit ist.

Gezielte Provokationen

Wie KommentatorInnen bereits angemerkt haben: Neu ist das alles nicht. Die Bezeichnung «Westfernsehen» hat der AfD-Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland schon früher lanciert. Auch andere ParteigängerInnen jubeln der NZZ auf Social Media regelmässig zu. Vor einem Jahr berichtete der «Blick», wie an AfD-Treffen ausführlich aus der NZZ zitiert wird, und die scharf bewaffnete AfD-Grenzwächterin Beatrix von Storch wollte Anne Will und anderen deutschen JournalistInnen gar ein Volontariat bei der NZZ verordnen. Bereits 2017 hat die WOZ nachgezeichnet, wie das einstige Weltblatt nach rechts kippt, gerade auch mit seiner Deutschlandberichterstattung.

Wenn die deutsche «taz» die jüngste Aufregung mit dem Foto einer die NZZ auf Papier lesenden Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel illustriert, führt das allerdings in die Irre. Denn diese Deutschlandoffensive findet primär online statt. Der Medienkonzern bietet den nördlichen NachbarInnen auch exklusiv einen extrem günstigen digitalen NZZ-Zugang an: Was SchweizerInnen jährlich 220 Franken kostet, ist in Deutschland für schlappe 100 Euro zu haben. Obendrauf gibts jeden Freitag eine elektronische Deutschlanddepesche, meist von NZZ-Chefredaktor Eric Gujer persönlich verfasst – ein Schuft, wer beim Newsletternamen «Der andere Blick» an «Alternative für Deutschland» denken muss.

Nur online zu lesen war auch der neuste Aufreger, der Maassen so gut gefallen hatte. Der «versehentlich» in «unredigierter Fassung» ins Netz gestellte Artikel erklärte mit AfD-Vokabular («Bio-Deutsche», «Ur-Deutsche»), die «Mehrheitsgesellschaft» gehe in vielen deutschen Städten «ihrem Ende entgegen», da «Deutsche mit Migrationshintergrund» und «Ausländer» in der Mehrheit seien. Als der Shitstorm anschwoll, nahm man die rassistischen Wörter raus und nannte sie ein Versehen. Alles nur ein Missverständnis also? Eher eine gezielt am Köcheln gehaltene Provokation.

Eine «Revitalisierungskur»?

Der penetrante Refrain, der aus dem NZZ-Berlinbüro und dem Newsletter schallt: Die deutsche Migrationspolitik mit ihrer «ungeregelten Zuwanderung» sei verfehlt, die verantwortliche Kanzlerin weitgehend erledigt. Die «Quälgeister» von der AfD seien zwar vorläufig auch keine Lösung, bedeuteten aber eine «Revitalisierungskur» und einen «heilsamen Schock». Man dürfe sie keinesfalls rechts liegen lassen. Bloss braune Gestalten wie Björn Höcke und Co. müssten weg.* Kurz nachdem der Rechtsextreme Stephan E. für den Mord an CDU-Politiker Walter Lübcke verhaftet worden war, hiess es, «Sprech- und Schreibverbote» gegen rechten Hass im Netz seien verfehlt. Daheim an der Falkenstrasse schreibt Eric Gujer sowieso viel öfter über deutsche Themen als über die Schweiz, wie ein Blick in die Mediendatenbank zeigt. Kürzlich sagte er per Frontkommentar für die deutsche Bundestagswahl 2021 einen «Sturm» voraus, der die «Zögerer und Zauderer» hinwegfegen werde.

In einer seiner Freitagspredigten dozierte Gujer einst, die Deutschen bräuchten «keine Gouvernanten, die ihnen vorgeben, wie sie mit der AfD umgehen sollen». Doch letztlich macht die NZZ mit ihrer Deutschlandstrategie genau das. Als AfD-Gouvernante beackert sie dieselben Themen wie die Rechtsaussenpartei und erörtert in zahlreichen Artikeln, wie die AfD sich normalisieren könnte: damit sie als seriöse Rechtspartei statt als wilder, teils rechtsextremer Haufen noch wählbarer wird.

* Korrigendum vom 17. Juli 2019: In der Printversion schrieben wir fälschlicherweise von Bernd Höcke anstelle von Björn Höcke.

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