Nr. 27/2019 vom 04.07.2019

«Die Kinder beginnen, sich zu isolieren»

Nach dem Facebook-Angriff des SVP-Nationalrats Andreas Glarner auf eine Lehrerin: Was macht das mit Kindern, wenn sie mit rassistischen Anfeindungen konfrontiert werden? Ein Gespräch mit der Kinder- und Jugendpsychologin Marina Frigerio.

Von Nora Strassmann (Interview) 
und Ursula Häne (Foto)

Marina Frigerio: «Es war eine Erlösung, Ulrich Schlüer zu sagen, dass er das Gespenst meiner Kindheit war.»

WOZ: Frau Frigerio, SVP-Nationalrat Andreas Glarner hat Anfang Juni für grosse Empörung gesorgt, als er die Telefonnummer einer Zürcher Lehrerin auf Facebook veröffentlichte. Er prangerte die Lehrerin öffentlich an, weil sie in einem Elternbrief darauf hingewiesen hatte, dass muslimische Schüler für hohe religiöse Feiertage – in diesem Fall das Fest zum Ende des Ramadan – keinen Jokertag beziehen müssen. Dies entspricht der kantonalen Volksschulverordnung. Wie geht es wohl den Kindern, die direkt davon betroffen sind?
Marina Frigerio: Ich kann mir vorstellen, dass es den Kindern nach so einem Angriff nicht so gut geht. Es ist eine Form von psychischer Gewalt, die ausgeübt wurde. Dieses Vorgehen von Herrn Glarner ist absolut inakzeptabel. Ich hoffe wirklich, dass dieser Nationalrat zur Rechenschaft gezogen wird.

Sehen Sie Glarners Angriff als islamophobe Kampagne?
Nein, ich sehe das als Wiederholung von Kampagnen, die in den siebziger Jahren mit den fremdenfeindlichen Initiativen gestartet wurden. Als Tochter italienischer Eltern habe ich das selbst erlebt. Ausgehend von meiner Erfahrung weiss ich: Es ist wichtig, dass die Leute, die mit solchen Machenschaften nicht einverstanden sind, ihre Stimme erheben und den Kindern und Jugendlichen beistehen.

Haben Sie das auch selbst schon getan?
Vor fünf Jahren habe ich am «Zischtigsclub» teilgenommen. Mit dabei war auch Ulrich Schlüer, der ehemalige Sekretär von James Schwarzenbach, der die «Überfremdungs-Initiative» lanciert hatte, die 1970 zur Abstimmung kam. Für mich war es eine Erlösung, als ich ihm als «Frau Doktor» und Schweizer Bürgerin sagen konnte, dass er das Gespenst meiner Kindheit war. Ich konnte ihm sagen, was diese Aussagen, Plakate und Flugblätter mit betroffenen Kindern machen.

Was genau macht das mit Kindern und Jugendlichen?
Was sie auf der Strasse hören und vor fremdenfeindlichen Abstimmungen auf Plakaten sehen, ist beschämend und verletzend. Die Kinder können sich kaum vom erlebten Rassismus distanzieren. Wenn ein Kind sich nicht willkommen geheissen fühlt, fängt es an, sich zu isolieren. Es kann sein, dass es anfängt, der Umgebung zu misstrauen. Viele schweigen und werden traurig. Andere können darüber reden, das ist gut. Wieder andere reagieren mit Verhaltensauffälligkeiten in der Schule oder tun sich schwer, mit Kritik und Anweisungen umzugehen. Oft geht ein Kind aus einer migrantischen Familie von vornherein davon aus, dass es diskriminiert wird. Was dann leider oft tatsächlich auch der Fall ist.

Ergeben sich dadurch auch Konflikte mit den Eltern, weil sich die Kinder von ihnen abgrenzen, um auf keinen Fall als «anders» aufzufallen?
Es ist sicher nicht lustig, wenn die eigenen Eltern als Schmarotzer dargestellt werden. So kommt es auch vor, dass Kinder sich überanpassen, sich quasi schweizerischer als Schweizer verhalten. Meiner Erfahrung nach gilt: Je unterschiedlicher die Kultur der Eltern, desto schwieriger ist es für die Kinder. Manche Jugendliche wollen ein anderes Leben als ihre Eltern führen. Andere legen grossen Wert darauf, in der Tradition der Familie zu bleiben. Für mich gilt es, beides zu respektieren.

In Ihrem Buch «Verbotene Kinder» erzählen Sie die Geschichte von Kindern italienischer Saisonarbeiter und -arbeiterinnen, die in den siebziger Jahren in der Schweiz aufwuchsen. Wegen ihres illegalen Aufenthaltsstatus mussten sie sich zu Hause verstecken und im Verborgenen leben. Sie berichten auch von Kindern, die in Pflegefamilien oder Heimen aufwuchsen. Wie gehen Menschen mit solchen Erfahrungen um?
Ich habe festgestellt, dass das Erlebte bei vielen auch noch im Erwachsenenalter eine grosse Wunde bleibt. Die Betroffenen haben häufig den Eindruck, dass ihre Eltern sie damals nicht genug geschützt haben. Nach der Veröffentlichung meines Buches habe ich von einigen ehemaligen «verbotenen» Kindern und solchen, die ohne ihre Eltern aufwuchsen, Rückmeldungen bekommen. Sie erzählten mir, dass sie sich durch dieses Buch endlich wieder mit ihren Eltern versöhnen konnten. Durch die historische Einordnung konnten sie erkennen, dass ihre Eltern nicht in böser Absicht gehandelt, sondern unter struktureller Gewalt und grosser Not gelitten hatten. Viele dieser mittlerweile Erwachsenen sagten mir, für sie sei der Friede mit ihren Eltern wie ein Geschenk gewesen – kurz bevor diese gestorben sind. Heute geht diese Geschichte weiter bei Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus, die die Bestimmungen nicht erfüllen, um ihre Kinder in die Schweiz nachzuholen.

Gibt es heute auch Kinder, die sich nicht genug von ihren Eltern geschützt fühlen, obwohl sie mit ihnen zusammenleben und sich nicht verstecken müssen?
Ja, auch manche von Rassismus betroffene Kinder, die zu mir in die Praxis kommen, erleben ihre Eltern als nicht kompetent und stark genug. Dabei spielt oft auch ein unglücklicher Umgang von Fachpersonen mit den Eltern eine Rolle. Manche Fachleute respektieren die Meinung von Eltern aus anderen Kulturen nicht wirklich und nehmen sie nicht als gleichwertig wahr. Wenn die Kinder diese Einschätzung übernehmen und denken, ihre Eltern seien inkompetent, hat das schwere Folgen. Sie verlieren ihren Halt.

Gibt es Lebensbereiche, die für Familien aus anderen Kulturen besonders heikel sind und so zu Konflikten zwischen Kindern und ihren Eltern führen können?
Besonders spannungsgeladen sind in vielen Familien Diskussionen um Geschlechterverhältnisse, Rollenbilder und Sexualität. Vieles davon war schon in den siebziger und achtziger Jahren bei meiner Arbeit mit Migrantinnen und Migranten aus Portugal, Spanien oder Exjugoslawien Thema. In den siebziger Jahren arbeitete ich in Zürich mit italienischen Frauen. In Fällen, in denen die Frauen und ihre Kinder von ihren Männern und Vätern geschlagen wurden, war meine erste Reaktion, zu sagen: «Sofort Trennung oder Scheidung!» Schnell merkte ich aber, dass das nicht immer der richtige Weg ist. Denn manche Frauen waren nicht imstande, alleine zu bestehen. Die Familien unterstützten sie nicht mehr, weil sie ein Tabu gebrochen hatten.

Was ich bei meiner Arbeit gelernt habe, ist, dass Integration und Emanzipation ihre Zeit brauchen. Ich sage das immer mit einem Bild: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

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