Nr. 27/2019 vom 04.07.2019

Plötzlich reden sie alle

Im Streit ums Zürcher Kulturlokal Kosmos melden sich Mitgründer Bruno Deckert und Immobilienunternehmer Steff Fischer zu Wort. Und auch die Gäste reklamieren das «Kosmos» für sich.

Von Florian Keller und Kaspar Surber

«Geld und Geist»: So hiess das ursprüngliche Konzept, das zum heutigen Kulturzentrum Kosmos an der Zürcher Europaallee führte. Das schreibt einer der beiden Initianten, der Philosoph und Soziologe Bruno Deckert, in seiner Doktorarbeit über dessen Entstehungsgeschichte. «Neben der finanziellen Bürde belastet mich die Unsicherheit, ob und wie es mit Samir und mir weitergehen kann», schreibt Deckert auf Seite 45 über den anderen Mitgründer, den Filmemacher Samir. Da war gerade einmal der Mietvertrag mit den SBB unterzeichnet, ermöglicht notabene dank der finanziellen Unterstützung von Regisseurin Stina Werenfels. Werenfels und Samir sind verheiratet.

«Geld und Geist», Spannungen zwischen den Gründervätern: Beides klingt wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. An der letzten Generalversammlung wurde Samir aus dem Verwaltungsrat gedrängt. Stattdessen wurde der PR-Mann Edwin van der Geest gewählt, Mitglied der «Freunde der NZZ». Die Interessengemeinschaft hat einen zweifelhaften Ruf, weil sie den Kurs der Zeitung über den Umbau des Aktionariats nach rechts zu trimmen versuchte: Geld und Geist eben.

Letzte Woche hat die WOZ recherchiert, wie es zu Samirs Rauswurf aus dem Verwaltungsrat kam. TeilnehmerInnen der GV sprechen von einer «orchestrierten» Abwahl. Mit einer detaillierten Zusammenstellung folgte das Onlinemagazin «Republik», dort war sogar von einem Putsch die Rede. Im Kern decken sich die Berichte: Verwaltungsratspräsident Deckert und Geschäftsführer Martin Roth nutzen das ihrer Meinung nach gestörte Verhältnis zu Samir als Vorwand, um ihn aus dem Verwaltungsrat zu drängen. Dabei konnten sie auf die Unterstützung rechter Kapitalgeber zählen.

Der Vertrauensbruch

Deckert weilte letzte Woche in den Ferien, am Montag war er nun im «Kosmos» zu einem Gespräch bereit. «Nach dem Übergang von der Planungs- in die Betriebsphase wurde der Verwaltungsrat dysfunktional», beschreibt er die Eskalation. Samir habe sich nicht nur in die operativen Belange des Kinobetriebs eingemischt, er habe sich auch mit der Kinochefin überworfen. Deckert betont, dass er als Verwaltungsratspräsident lange zu vermitteln versucht habe: Mit der Mehrheit des Verwaltungsrats schlug er vor, das Gremium neu zu besetzen, mit ihm und Samir als einzigen Bisherigen. Weil Samir, Stina Werenfels und Ruedi Gerber, ein weiteres VR-Mitglied, diesen Vorschlag kurz vor der GV in einem Brief an die AktionärInnen ergänzen wollten, sei eine «totale Ausnahmesituation» entstanden.

In Deckerts weiteren Ausführungen wird deutlich, dass er gemeinsam mit Geschäftsleiter Martin Roth durchaus zur Eskalation beigetragen hatte, die bisher bekannte Version der Geschichte also weitgehend richtig ist. So verschickte Deckert sein erstes Mail, in dem er einen neuen Verwaltungsrat forderte, im März 2019 nur an fünf der sieben Mitglieder – an alle ausser Samir und Stina Werenfels. Zudem brachte er Edwin van der Geest früher in die Auseinandersetzung ein, als bisher bekannt war. Als sich Samir und Deckert vor der GV zu einer Aussprache trafen, nahm Samir als Vertrauensperson eine Mediatorin mit – Deckert liess sich von Edwin van der Geest begleiten. Schliesslich mandatierten sich Deckert und Roth vor der Versammlung mit Vollmachten, um auf eine Mehrheit zu kommen. «Wir wussten, es wird schwierig», sagt Deckert dazu.

Die Einflussnahme rechter Kreise verweist Deckert ins Reich der Verschwörungstheorien. «Das ‹Kosmos› bleibt ein offener, urbaner, diskursiver, kontemplativer Ort», verspricht er. Er sagt aber auch: «Wir möchten uns schon nicht nur in der linken Bubble bewegen, sondern von Beginn an einen vielfältigen Austausch von Meinungen und Standpunkten zulassen.» Wenn es also nicht darum ging, das «Kosmos» nach rechts zu öffnen, dann vielleicht darum, den Einfluss der Linken, wie ihn Samir verkörpert, zu beschränken. Im Effekt ist das oft das Gleiche. Den jetzigen Verwaltungsrat sieht Deckert als «Übergangslösung». Wo der Platz der 45 Prozent der AktionärInnen rund um Samir, Werenfels und Gerber in Zukunft sein wird, darauf hat er noch keine Antwort.

Samir meint auf Anfrage, dass er auf Interna nicht in den Medien eingehe. «Wir sollten uns nicht in der Öffentlichkeit beschuldigen, sondern miteinander eine Lösung suchen für eine Zusammenarbeit. Es geht darum, das ‹Kosmos› als offenen und kritischen Kulturplatz der Stadt zu bewahren.»

Petition erfolgreich

Bei der WOZ hat sich auch Immobilienunternehmer Steff Fischer gemeldet, der Deckert und Samir miteinander bekannt gemacht und ihnen als Vermarkter der SBB einst die Tür zur Europaallee geöffnet hatte. Er lädt, locker in Badehosen gekleidet, zu einer Runde Bier und beschreibt den Konflikt bildhaft als Schisma: «Deckert ist der Papst, Samir ist der Zwingli. Das Problem ist, dass wir jetzt einen rein katholischen Verwaltungsrat haben.» Fischer, selbst Aktionär, ging nicht an die GV, sondern gab seine Stimmen an den ‹Kosmos›-Architekten Mark Burkhard weiter, der gegen Samir stimmte. Auf die Frage, warum er das tat, gibt Fischer unumwunden machiavellistische Motive zu: «Weil ich nicht dort war, kann ich weiterhin Einfluss ausüben.» Die Lösung des Konflikts liegt für Fischer in einem «neuen, möglichst mit Frauen besetzten Verwaltungsrat».

Der Schauspieler und Verleger Patrick Frey, ebenfalls Aktionär, hat die Vorgänge schon in der letzten WOZ kritisiert. Gemeinsam mit der Filmemacherin Sabine Gisiger und der Architektin Katrin Jaggi hat er nun eine Petition lanciert, die bisher von fast tausend Leuten unterschrieben wurde. Unter dem Titel «Reclaim Kosmos» fordern sie eine neue GV und einen neuen Verwaltungsrat – im Interesse all jener AktionärInnen, «die weder eine neoliberale noch eine nationalkonservative Ausrichtung des ‹Kosmos› wünschen».

Die Auseinandersetzung um Geld und Geist, für die das «Kosmos» sinnbildlich steht, dürfte Zürich noch länger beschäftigen.

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