Nr. 26/2019 vom 27.06.2019

Der Kampf ums «Kosmos»

Filmemacher und Mitgründer Samir wurde aus dem Verwaltungsrat des Zürcher «Kosmos» gedrängt. Wie es dazu kam und was das für die Zukunft des Kulturzentrums bedeuten könnte.

Von Kaspar Surber (Text) und Florian Bachmann (Foto)

«Ich bin entsetzt und empört»: Der Komiker und «Kosmos»-Aktionär Patrick Frey befürchtet, dass das Kulturlokal nach rechts gedreht werden könnte.

Das Kulturzentrum Kosmos ist lebhafte Diskussionen gewohnt. Jeden Montag werden hier unter dem Titel «Kosmopolitics» gesellschaftspolitische Themen debattiert. Die bisher hitzigste, sechsstündige Diskussion fand aber am 20. Juni im Kinosaal Nummer drei statt: An der Aktionärsversammlung der Kosmos Kultur AG wurde Filmemacher Samir aus dem Verwaltungsrat abgewählt.

Samir hat das Kulturlokal an der Europaallee gemeinsam mit Buchhändler und Gastronom Bruno Deckert initiiert. Seit der «SonntagsBlick» den Rauswurf publik machte, jagen sich in der Kulturszene die Gerüchte. Denn statt Samir sitzt neu PR-Berater Edwin van der Geest im Verwaltungsrat. Wurde der Betrieb Opfer einer unfreundlichen Übernahme?

Recherchen der WOZ zeigen, dass der Versammlung eine Diskussion über die Ausrichtung und die Organisation des «Kosmos» vorausging. Einen Tag zuvor verschickten die VerwaltungsrätInnen Samir und Stina Werenfels, die beiden sind ein Ehepaar, sowie Ruedi Gerber einen Brief an die AktionärInnen. Die drei gaben im Brief ihren Sorgen um die Finanzen des Betriebs Ausdruck. 2018 habe das «Kosmos» einen Verlust von mehr als einer Million Franken geschrieben. Ein Verlust war aber auch budgetiert. Zudem fehlten ein Organisationsreglement, Pflichtenhefte und Arbeitsverträge für wichtige MitarbeiterInnen.

Im Fokus der Kritik stand neben dem Verwaltungsrat der Geschäftsleiter Martin Roth. Samir, Werenfels und Gerber, allesamt FilmemacherInnen, forderten ausserdem ein profilierteres Kinoprogramm. Als zusätzliches Verwaltungsratsmitglied schlugen sie einen Finanzfachmann vor. Für dessen Wahl setzte sich insbesondere Werenfels ein: Sie hat dem «Kosmos» ein beträchtliches Darlehen zur Verfügung gestellt und deshalb Anspruch auf einen Sitz im Verwaltungsrat.

«Perfekt orchestriert»

An der Versammlung kam es anders. Wie mehrere Anwesende berichten, hätten sich Kogründer Bruno Deckert und Geschäftsleiter Martin Roth die Unterstützung von neuen AktionärInnen gesichert, die bei einer Kapitalerhöhung Ende letzten Jahres hinzugekommen waren oder ihren Anteil erhöht hatten. Dazu zählen Edwin van der Geest und Erhard Lee, die beide auch in der «IG Freunde der NZZ» aktiv sind. Die Vereinigung macht sich für den Rechtskurs der Zeitung stark. Van der Geest verkündet als PR-Sprecher seit Jahren den Abbau von Arbeitsplätzen: von Saurer über Bally bis zur Massenentlassung beim Kleiderhändler OVS im letzten Jahr.

An der Versammlung im «Kosmos» sei van der Geest plötzlich aufgestanden und habe einen neu zusammengesetzten Verwaltungsrat gefordert. Neben Deckert habe er vier neue Mitglieder vorgeschlagen, darunter sich selbst. Weil sein Lager über eine knappe Mehrheit verfügte, kam der Vorschlag durch. «Alles wirkte perfekt orchestriert», sagt ein anwesender Aktionär.

Dass zwischen Samir und Deckert seit längerem Spannungen herrschen, bestätigen im Umfeld des «Kosmos» viele. GastromitarbeiterInnen kritisieren zudem, dass Geschäftsleiter Roth oft überfordert sei, nicht zuletzt weil er als Werber nicht vom Fach sei. Am plausibelsten ist somit die These, dass sich ausgehend von Meinungsverschiedenheiten der beiden Gründer Geschäftsleiter Roth seine Position sicherte, dies mithilfe von rechten Kapitalgebern. Sie bestimmen nun im Verwaltungsrat mit.

Neue Versammlung gefordert

Das «Kosmos» sollte dem renditegetriebenen SBB-Immobilienprojekt Europaallee ein freundliches Gesicht geben. Das Kulturhaus wurde deshalb bei der Eröffnung in den linken Stadtkreisen als Feigenblatt der Gentrifizierung kritisiert. Bald erfreute es sich aber als Debattenort und Treffpunkt einiger Beliebtheit. Dies ist auch der NZZ nicht entgangen. Neben der «Republik» und gelegentlich der WOZ veranstaltet sie dort Diskussionen, als nächste folgt im Juli «NZZ trifft Kosmos».

Das «Kosmos» ist ein Grossprojekt vermögender Linker, die sich mit ihrem Kapital aktiv in die Stadtentwicklung einmischen. Dabei schafften sie es aber nicht zu verhindern, dass die Gründer einander in die Quere kamen. Vor allem schufen sie keine Organisation, die gegen eine unfreundliche Übernahme abgesichert war. Nun könnte das «Kosmos» als reiner Konsumort in der Europaallee aufgehen.

Die Kosmos AG mit Geschäftsleiter Martin Roth betont auf Anfrage, dass sich am Programm nichts ändern werde. Zu den Vorgängen will man sich erst nächste Woche äussern. Edwin van der Geest, der als Hobby den Blog «Edwin wandert» betreibt, schickt Grüsse von einer Hochtour im Wallis: «Gerne nächste Woche.» Bruno Deckert weilt im Ausland und ist derzeit nicht erreichbar. Samir beschränkt sich auf einen ernüchterten Kommentar: «Hätte ich über diese Vorgänge einen Film gedreht, mir hätte niemand geglaubt.»

Mit dem Komiker, Autor und Verleger Patrick Frey meldet sich doch noch einer der bekanntesten Aktionäre namentlich zu Wort. Er, der selbst nicht an der Versammlung teilnahm, aber seine Stimme bei der unterlegenen Partei deponierte, sagt: «Ich bin entsetzt und empört.» Die Gefahr, dass Kulturlokale ähnlich wie die Medien nach rechts gedreht werden könnten, sei real. «Die Rechten haben ja keine sexy Plattformen, die haben nur das Albisgüetli.» Frey will sich deshalb mit Verbündeten dafür einsetzen, dass die Aktionärsversammlung wiederholt und ein neuer Verwaltungsrat eingesetzt wird.

Mitarbeit: Florian Keller.

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