Nr. 26/2019 vom 27.06.2019

Umgarnt und diskriminiert

Von Daniela Janser

Unter Einhörnern mit regenbogenfarbener Mähne posieren fünf lachende PolizistInnen in schwarzer Kampfmontur, zwei von ihnen legen ihren Arm um eine junge Frau im T-Shirt, die ebenfalls in die Kamera strahlt. Dieses Foto vertwitterte die Stadtpolizei Zürich am Abend des 15. Juni mit dem Text: «Gemeinsam mit ihrer ehemaligen Kollegin und heutigen Pride-Chefin Lea Herzig sorgen die Stadtpolizistinnen und -polizisten heute für eure Sicherheit an der #ZurichPride.»

Ein bemerkenswerter Tweet, wenn man bedenkt, an welches Ereignis die alljährliche Pride erinnert, die bis 2009 noch Christopher Street Day hiess: In der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 begannen tagelange gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Schwulen, Lesben, Transmenschen und Polizeibeamten. Auslöser waren wiederholte Razzien mit Personenkontrollen in der Homosexuellen- und Transbar Stonewall an der Christopher Street in New York. Es war der beherzte Anfang eines langen, letztlich sehr erfolgreichen politischen und gesellschaftlichen Kampfs und Wandels.

Wenn die Pride fünfzig Jahre später durch Zürich tanzt, strahlen nicht nur PolizistInnen mit den DemonstrantInnen um die Wette. Auch Banken und Versicherungen buhlen um die kaufkräftigen Queers. Es ist einer der wenigen Anlässe, bei dem beide Grossbanken als Hauptsponsor auftreten. Mehr noch: UBS und Credit Suisse machen mit eigenen Wagen am Pride-Umzug mit, ebenfalls mit von der Partie sind das Ballett des Opernhauses Zürich, Google sowie die Versicherungen Baloise, Allianz, Swiss Re und Zurich.

Es ist fast wie an der Street Parade. Zum Schluss wird die Demo auf einen Platz mit Marktständen und einer Hüpfburg von Rivella geschleust, später gibts Reden und Konzerte auf dem Sechseläutenplatz. Was ist noch queer und rebellisch an diesem Familienfest für die, denen es doch bis heute schwer gemacht wird, auf legalem Weg überhaupt Kinder zu kriegen? Der einst blutige und existenzielle Protest ist marktförmig und in seiner ganzen bunten Schrillheit bieder geworden – gerade auch im Vergleich zum Frauenstreik tags zuvor. Die gutbürgerliche Hauptforderung im Gewummer der Bässe: Ehe für alle.

Am Sonntag nach der Pride machte aber noch eine andere Nachricht die Runde. Im trendigen Zürcher Kreis 3 war ein schwules Paar angepöbelt und geschlagen worden, auf Facebook wurden weitere Übergriffe vermeldet. Bereits im Mai hatten Vermummte einen LGBTQ-Stand an einer belebten Kreuzung attackiert. Mahnungen, dass auch im betont weltoffenen Zürich Homophobie heute noch in Gewalt umschlagen kann.

Homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen sind in der Schweiz seit 1942 straffrei. Doch wo steht die Schweiz heute bei der rechtlichen Gleichstellung von Homosexuellen und Transmenschen? Hinter Taiwan, Südafrika, Uruguay und Portugal, um nur vier Beispiele zu nennen. Die 2007 an der Urne gutgeheissene «eingetragene Partnerschaft», eine Ehe light mit eingeschränkten Rechten, wirkt bereits veraltet. Nebenbei gesagt ist sie auch für Heterosexuelle diskriminierend, da ihnen diese zivilrechtliche Partnerschaft verwehrt bleibt – anders als etwa der «pacte civil» in Frankreich.

Eine Adoption – ausser der Stiefkindadoption – ist in dieser eingetragenen Partnerschaft explizit nicht erlaubt, ebenso wenig eine künstliche Befruchtung. Wer wiederum sein Geschlecht im Personenstandsregister anpassen will, kann das machen, vielleicht bald noch unkomplizierter auf dem Zivilstandsamt. Aber es gibt keine Möglichkeit, ein drittes oder gar kein Geschlecht eintragen zu lassen. Umfragen zeigen, dass zumindest eine Öffnung der Ehe für alle in der Schweiz klar mehrheitsfähig wäre. Auch alle grossen Parteien ausser der SVP sind dafür, die Vernehmlassung zum Vorentwurf wurde gerade abgeschlossen. Uneinig ist man sich bei den Fortpflanzungsrechten.

Hinkt die Politik der Aufgeschlossenheit der BürgerInnen hinterher? Und würden Credit Suisse und UBS ihr Logo auch für den Kampf gegen die Ewiggestrigen zur Verfügung stellen, die per Referendum die Ausweitung der Antirassismusstrafnorm auf Homophobie und Transfeindlichkeit verhindern möchten?

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