Nr. 25/2019 vom 20.06.2019

Erotische Trauer, intellektuelle Freude

Von Bettina Dyttrich

Ist dieser plötzlichen «Willkommenskultur»-Euphorie zu trauen? Das fragt sich die Wiener Essayistin Andrea Roedig 2015. Sie zweifelt – und schreibt vorausschauend einen Satz: Es sei die Aufgabe der Philosophie, «eine ressentimentfreie Sprache für Ambivalentes, Zweideutiges, Zweifelhaftes zu finden». Nach dieser Definition ist Roedig eine hervorragende Philosophin. Sie kann etwas Erstaunliches: über Dinge schreiben, in die sie selbst verstrickt ist, ohne ins Bekenntnishafte zu verfallen, aber auch ohne – aus Rücksicht auf sich selbst oder andere – ungenau zu werden. Sie schont nicht, was sie untersucht, aber sie bleibt fair.

Zum Beispiel im Text «Wo bleibt die Butch?». Das Thema: «Etliche der Frauen, die früher einfach ‹butch› gewesen wären, also sich männlich gebärdende lesbische Frauen, sind oder werden heute Transmänner.» Bei vielen Lesben ihrer Generation löse das «eine erotische Trauer und eine feministische Wut» aus. Was Roedig hier beschreibt, könnte bei einer weniger sorgfältigen Autorin transfeindlich wirken, doch darum geht es hier keinesfalls. Auch an ein anderes persönliches Thema geht sie mit offenem Blick heran, ohne den Schmerz zu leugnen: Mütter, die ihre Kinder «verlassen». Roedig ist mit ihrem Bruder beim Vater aufgewachsen.

Der neue Sammelband «Schluss mit dem Sex» versammelt gut dreissig Texte aus den letzten Jahren. Ein Fazit: Roedig passt perfekt zu ihrer Wahlheimat Wien und deren seltsamer, charmanter Traurigkeit. Sie würdigt verstaubte Gegenstände und verschwindende Berufe wie den Uniseelsorger, ein Gespräch mit einem fanatischen Sammler wird zur (Klassen-)Biografie einer ganzen Generation. Wunderbar inspirierend sind auch die (für die WOZ geschriebenen) «Fünf Thesen für utopischen Sex» und das Interview mit einem Meditationslehrer: Selten wurden die Missverständnisse, die der Meditationsboom mit sich bringt, so erhellend auf den Punkt gebracht. Gerade auch in den kurzen Texten: Es gibt hier so viel zu denken, dass es eine Freude ist.

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