Nr. 25/2019 vom 20.06.2019

Der Wurm in der Puppe

Von Hans Ulrich Probst

Die 48-jährige Leda, Dozentin in Florenz, verbringt ihre Sommerferien alleine am ionischen Meer. Am Strand beobachtet die Mutter zweier erwachsener Töchter eine neapolitanische – vermutlich mafiöse – Grossfamilie, namentlich das intensive Spiel der Mutter Nina mit ihrer kleinen Tochter Elena. Leda sucht das Gespräch mit Nina und erinnert sich dabei an ihre eigene leidvolle Erfahrung als junge Mutter im rauen, machistischen Neapel. Sie hatte ihre Kinder, als diese sechs und vier Jahre alt waren, beim Vater «sitzenlassen». Warum? «Ich war so müde (…) Ich liebte sie zu sehr, und ich hatte das Gefühl, meine Liebe zu ihnen hinderte mich daran, ich selbst zu werden.» Nach drei Jahren kehrte sie zu den Töchtern zurück, weil sie nicht in der Lage war, etwas zu schaffen, was ihnen ebenbürtig gewesen wäre.

Sei es aus Laune, aus Einsamkeit oder Neid macht die Ich-Erzählerin Leda dann in der lethargischen Urlaubsstimmung am Strand etwas Unsinniges: Sie nimmt eines Tages die dort vergessene Puppe der kleinen Elena an sich und gibt sie erst nach Tagen zurück, obwohl die Kleine extrem unter dem Verlust leidet und die Suche danach die ganze Familie durcheinanderbringt. In der nassen Puppe sitzt ein Wurm. Durch dieses Tier wird die schlichte Puppe zu einem Objekt, in dem sich Schwangerschaft, Geburt und Muttersein spiegeln, und damit kommen in Leda all die verwirrend ambivalenten Regungen und Gefühle, die sie damit verbindet, wieder hoch. Sie stellt sich ihnen – schonungslos und im Bewusstsein: «Die Dinge, die wir selbst nicht verstehen, sind am schwierigsten zu erzählen.»

Von ihnen zu schreiben versteht die Autorin Elena Ferrante freilich meisterhaft und aufwühlend: In glasklarer Sprache und schlackenloser, krimireifer Komposition stellt die italienische Bestsellerautorin in «Frau im Dunkeln» auf gerade 180 Seiten radikal all die unbequemen Fragen zu Mutterschaft, Geschlechterrollen, Machismo und gesellschaftlichen Zwängen. Die Themen des vor dreizehn Jahren auf Italienisch erschienenen Buchs sind noch immer aktuell – nicht nur im Süden Italiens.

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