Nr. 25/2019 vom 20.06.2019

In Skischuhen zu Giacometti

Gesellschaft, auf die Füsse gestellt: Die Zürcher Autorin Isolde Schaad blickt in ihrem neuen Erzählband, «Giacometti hinkt», auf ein Paar Körperteile.

Von Ulrike Baureithel

Setzt ihre Schnitte messerscharf: Die Zürcher Erzählerin Isolde Schaad. Foto: Ayse Yavas

Es sei der Bauch, der die Geschichten erzähle, sagte sie einmal über ihre sogenannten Exkursionen unter die Gürtellinie mit dem Titel «Am Äquator» (2014). Auch in ihrem neuen Buch hat sich die Zürcher Erzählerin und Essayistin Isolde Schaad einen menschlichen Körperteil vorgenommen, genauer gesagt ein Paar: die Füsse. Was nämlich über diese Extremitäten zu sagen ist, umfasst nicht nur die leibliche Dimension, denn «wie wir in der Welt stehen, wie wir uns in ihr bewegen, hat mich von jeher interessiert. Das tun wir offenbar nicht als Homo erectus, erecta, sondern als Neutrum, als gekrümmte Kreatur», erklärt die Autorin in einem der drei «Zwischenhalte», die zwischen die fünf Erzählungen in «Giacometti hinkt» eingeschoben sind.

Wer dächte da nicht sofort auch an die Haltung, den aufrechten Gang in erweitertem Sinne, die den Menschen nicht nur zu Fussvolk, sondern zu einem nach (Selbst-)Bewusstsein drängenden Sohlengänger macht. Selbst wenn sein Gang durch die Fussgängerzone, der jener zweite Zwischenhalt gewidmet ist, aussieht, als sei dieser Mensch «ständig beim Steueramt oder beim Zahnarzt vorgeladen».

Ist man solchermassen auf das «Alphabet der Füsse» (dritter Zwischenhalt) eingestimmt, lesen sich die unterschiedlichen Fussgeschichten wie Exerzitien moderner Lebensgangarten. In der Eingangserzählung «Losgeworden, los geworden» geht es um ein Paar Militärstiefel, die die aufrechte Helen Grossniklaus, grüne Nationalrätin, unbedingt loswerden will. Denn die unkleidsamen Kampfschiffe erinnern sie an die Stiefel ihres Vaters, der damit alljährlich «als Pausenclown» bei seiner Feldkompanie paradierte. Das trägt der Frau Konflikte mit ihrem deutschen Lebensgefährten Uwe ein und beschwört die Vergangenheit beider Länder herauf – bis die Stiefel eines Tages tatsächlich verschwunden sind und sich eine ganz andere Geschichte auftut, die von einem jungen syrischen Flüchtling handelt und Helen, die plötzlich eine neue Lebensaufgabe gefunden hat: «War es tatsächlich so? Natürlich war es nicht so. Wishful thinking war’s, der Tag- und Nachttraum einer sozial Engagierten.»

Platt walzende «Krautfresser»

Derartige Distanzierungen finden sich häufig in Schaads Geschichten, manchmal nur spöttisch tippelnd, gelegentlich beissend sarkastisch durchs Erzählfeld marschierend, so wie man es eben gewohnt ist von einer Autorin, die seit Jahrzehnten für ihren sezierenden Blick bekannt ist. Ob es nun um das Geschlechterverhältnis geht, wie in «Sohlengänger – aus der Sie + Er-Serie», um das würdige Altern in einer jugendsüchtigen Gesellschaft oder um die für SchweizerInnen typische Produktion von Klischees (zum Beispiel über Deutsche): Schaad, die ursprünglich Karikaturistin hatte werden wollen, setzt ihre Schnitte messerscharf. In «Beiläufig, dann hin und weg» etwa, der Geschichte einer Hausgemeinschaft, der ihr Mittelpunkt, Claire Honold, durch plötzliches Ableben abhandenkommt und die sich nun Spekulationen und Gerüchten über diskrete Sterbehilfe oder andere Formen des Verschwindens hingibt, wird schwadroniert über die deutschen «Krautfresser», die «uns platt walzen» und uns gleichzeitig «brühwarm einlullen mit ihrem unschuldigen Versuch, unsere Sprache zu sprechen».

In «Der Rollator, letzter Lebensgefährte» inszeniert die Heldin eine gewagte Entführung aus dem Altenheim, und in besagtem «Sohlengänger» sind es die wohlgeformten, gepflegten Füsse in der Kunst, die dafür sorgen, dass die Protagonistin ihrem linksgedrehten Liebhaber auf dem Basler Barfüsserplatz den Laufpass gibt, all dem Weltverbesserertum, das er vor sich herträgt, zum Trotz. Manchmal kippen die Geschichten ins Absurde, und der Ton wirkt überdreht, doch nie geht der reale Kern verloren, das Wahre, das darin steckt, und die prosaischen Aspekte des Lebens: «Wenn es eintrifft, ist das lang Erwartete bestürzend, denn es trifft immer unerwartet ein, das ist ein zeitdiagnostisches Paradox.»

Satire auf den Kunstbetrieb

In der längsten und titelgebenden Erzählung «Giacometti hinkt» geht es um einen jungen Studenten der Kunstgeschichte, Luis Krattiger aus Schwamendingen, aus einfachen Verhältnissen stammend, wie man so sagt, der sich mit seiner Abschlussarbeit über Alberto Giacometti und dessen Mantra herumschlägt, «dass sein lebenslänglicher Effort nicht dem Gelingen, sondern dem Scheitern verpflichtet» sei. Luis trampelt also in Skischuhen durch die Zürcher Giacometti-Sammlung, «um nachzuempfinden, wie sich Albertos Personal auf Klumpfüssen» erfahren hat, und reist sogar nach Paris, wo er in eine undurchsichtige Kunstraubgeschichte verwickelt wird. Es ist eine bitterböse Satire auf Kunstrezeption und Kunstbetrieb und dessen Authentizitätsgehabe, das sich im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit endgültig erledigt hat.

Gut nur, dass die einstige Kunsthistorikerin Schaad nicht auf dem Feld der Kunstbetrachtung versackt ist wie Luis, sondern weiterhin durch «den Dreck» stapft, den «die Welt gerne beiseite schiebt».

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