Nr. 25/2019 vom 20.06.2019

Mit 240 km/h in die grüne Zukunft?

In Bern steht am Wochenende ein Formel-E-Rennen bevor. Der Anlass soll die Elektromobilität befördern, so der Berner Gemeinderat. Doch viele in der Stadt äussern Kritik an der angeblich grünen Schnelligkeit.

Von Nora Strassmann

Formel-E-Fahrer Sébastien Buemi auf einem Promofährtchen durch Bern. Foto: Anthony Anex, Keystone

Bern wird Zeugin eines eigenartigen Spektakels. Am 22. Juni messen sich die neusten Sportwagen auf einer Rennstrecke am Rand der Innenstadt. Mit Höchstgeschwindigkeit werden die Vierräder über die Strassen im Wohnquartier Obstberg und Umgebung gleiten, das typische Aufheulen der Motoren bleibt dabei aus. Denn: Die Wagen sind elektrobetrieben. Der sogenannte Swiss E-Prix ist Teil der fünften Saison der Formel-E-Reihe, die 2019 neben Bern unter anderem in Marrakesch, Hongkong und Paris über die Strassen fegt. Organisatorin ist die Fédération Internationale de l’Automobile (FIA), die auch die prominente Formel 1 veranstaltet.

Letzten Sommer gastierte der Swiss E-Prix in Zürich. Die Stadtregierung verbuchte die Veranstaltung in einem Abschlussbericht als Erfolg: Die Stadt habe «das Bild einer wunderschönen und smarten Destination am Puls der technologischen Entwicklung vermittelt.» In dieselbe Kerbe schlägt nun auch die Bundesstadt. «Die Elektromobilität ist ein Leuchtturm für die Umstellung auf einen CO2-freien Verkehr», so der zuständige Gemeinderat Reto Nause (CVP). Der von dem internationalen Technologiekonzern ABB, dem Autobauer BMW und der Privatbank Julius Bär gesponserte Anlass sensibilisiere die Bevölkerung für Elektromobilität, auch mit einem breiten Rahmenprogramm. Es werden über 150 000 ZuschauerInnen erwartet.

Negative Klimabilanz

Bei Markus Heinzer vom Grünen Bündnis Bern ist die Euphorie nicht angekommen. In seinen Augen hat der Berner Gemeinderat die Bewilligung vor allem aus Prestige- und Tourismusgründen ausgesprochen. Berechne man all die Emissionen ein, die für die Durchführung des Anlasses anfielen, «so weist der Swiss E-Prix auf keinen Fall eine positive Klimabilanz auf». Dazu gehören zum Beispiel der Transport der Absperrelemente mit dieselbetriebenen Sattelschleppern sowie der Transport der ganzen Autos und des Mitarbeiterstabs über verschiedene Kontinente. Reto Nause stimmt zu und erwidert: «Kein Grossanlass ist positiv für das Klima.» Hingegen sei die Formel-E der einzige, der seinen CO2-Ausstoss komplett kompensiere. Heinzer hingegen sieht die Formel E als das grüne Mäntelchen der FIA, das deren eigentlichen Zweck – die Förderung des emissionsreichen Motorsports – verschleiere.

Auch ein parteiübergreifendes Komitee namens «Formel-E-ade» übt scharfe Kritik am Grossanlass. Allem voran empört es sich darüber, dass die Stadt den Anlass als ökologischen Fortschritt darstellt und ihm so viel Raum in der Stadt zugesteht. Die Bauarbeiten zögen sich über Wochen hin, der Fahrradverkehr sei eingeschränkt und der Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr für alle gewährleistet. Komitee-Aktivist David Böhner kann deshalb nicht nachvollziehen, wieso die rot-grüne Stadtregierung das Rennen zulässt. Die Elektromobilität würde dabei «glorifiziert» und das Publikum dazu motiviert, mehr Autos zu kaufen. Dies sei ein falscher Ansatz. Für eine ernsthafte ökologische Wende müsse der Individualverkehr vermindert werden, was jedoch nicht auf der Agenda der VeranstalterInnen stehe.

Der Gemeinderat hatte dem Swiss E-Prix die Bewilligung erteilt, noch bevor die betroffene Wohnbevölkerung über dessen Pläne ins Bild gesetzt worden war. Das sorgte für Verärgerung bei den AnwohnerInnen. «Der grosse Vertrauensbruch war, dass der Gemeinderat trotz starker Berner Partizipationskultur erst zu einem sehr späten Zeitpunkt auf uns zugekommen ist», sagt Sabine Schärrer, Geschäftsleiterin der Quartiervertretung des Stadtteils vier. Mittlerweile habe sich die Stimmung aber wieder beruhigt. Reto Nause versteht den Unmut und versichert, die Stadt habe aus den Erfahrungen Zürichs gelernt: «Wir werden auf nächtliche Auf- und Abräumarbeiten weitgehend verzichten und die lärmintensiven Aufgaben gestaffelt und tagsüber ausführen.» Auf die Frage, wieso die Formel-E-Meisterschaften nur in Städten stattfinden, antwortet Stephan Oehen von Swiss E-Prix: «Das Konzept ist, die Elektromobilität zu den Menschen zu bringen und nicht umgekehrt.» Ob jene danach gefragt haben oder nicht, spielt keine Rolle.

E-Autos mit Klimaproblem

Der deutsche Politikwissenschafter Winfried Wolf beschäftigt sich seit Jahren mit Fragen des Verkehrs und der Elektromobilität. Auf sein neues Buch «Mit dem Elektroauto in die Sackgasse» bezieht sich Formel-E-ade in seiner Kritik am Berner Anlass. Wolf weist darauf hin, dass die Herstellung von Elektroautos weit klimaschädlicher ist als die Produktion herkömmlicher Fahrzeuge – dies vor allem wegen der Batterie. So könne ein kleines Benzinauto mehrere Jahre fahren, bis es die Umwelt mehr belaste als die Akkuproduktion für ein E-Fahrzeug wie den Tesla. Zudem verleite Elektromobilität die Menschen dazu, öfter Auto zu fahren. Wolfs Fazit ist ernüchternd: Anstatt zu einer ökologischen Kehrtwende führe die Verfügbarkeit von Elektroautos auf dem globalen Markt zu mehr Verkehr, mehr Strassenbau und mehr Emissionen.

«Formel-E-ade» veranstaltet am Erscheinungstag dieser WOZ (20. Juni 2019) eine Velodemo: Besammlung um 19 Uhr beim Bundesplatz.

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