Nr. 23/2019 vom 06.06.2019

Der Speicher in der ersten Reihe

Von Florian Keller

Über Freddy Buache und seine Cinémathèque gibt es diese Anekdote: Als der damalige Leiter der Landesbibliothek, ein Informatiker, Buache einen Besuch in seinem Reich in Lausanne abstattete, wollte er vom Leiter des Schweizer Filmarchivs wissen, wo denn sein Katalog sei. Dieser soll sich darauf an die Stirn getippt und gesagt haben: «Der Katalog ist hier.»

Er hatte alles im Kopf: Für die Cinémathèque, sein Lebenswerk, sollte sich das später noch als Hypothek erweisen, als Buache nach fast einem halben Jahrhundert seinen Posten räumen musste, ganz und gar unfreiwillig, mit 71 Jahren. Aber die Anekdote zeigt auch, was ihn auszeichnete: Freddy Buache, der Pionier der Filmkritik in der Schweiz, der Publizist und Vermittler, war eine wandelnde Institution der hiesigen Kinogeschichte, ein lebender Wissensspeicher – durchaus militant in seiner Cinephilie, was etwa seine Ablehnung des Hollywoodkinos anging, aber eben auch angetrieben von einer bis zuletzt unerschöpflichen Neugier. Jahr für Jahr sah man das in Cannes, wo er jeden Morgen im riesigen Théâtre de Lumière seinen Stammplatz in der vordersten Reihe einnahm.

Buache war noch keine 27 Jahre alt, als er 1951 die Leitung der Cinémathèque suisse übernahm, die er drei Jahre zuvor mitbegründet hatte. Später machte er sich für das erste Filmgesetz des Bundes von 1963 stark, und er wirkte vier Jahre lang als Koleiter des Filmfestivals in Locarno, wo er 1998 mit einem Ehrenleoparden gewürdigt wurde.

Sein Freund und Exkritiker Jean-Luc Godard hat ihm, dem Filmkritiker, sogar einmal einen Kurzfilm gewidmet, um so den Stadtoberen von Lausanne eine lange Nase zu drehen. Diese hatten ihn um einen Beitrag zum 500-Jahr-Jubiläum der Stadtgründung gebeten. Godard widersetzte sich dem amtlichen Auftrag, indem er ihn mit «Lettre à Freddy Buache» (1982) indirekt trotzdem erfüllte: mit einer Reflexion über das todgeweihte Kino, natürlich, und einer farblich-geografischen Stadtanalyse, aus der sich dann doch eine vielschichtige Hommage an Buaches Heimatort herausschälte.

Am 28. Mai ist Freddy Buache im Alter von 94 Jahren gestorben. Den Katalog in seinem Kopf hat er mitgenommen, die Leidenschaft fürs Kino, die er verbreitete, wirkt weiter.

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