Nr. 22/2019 vom 30.05.2019

Ein deutscher Nazi in Ausbildung

Vor einem Jahr attackierten zwei deutsche Neonazis zwei Journalisten und verletzten sie schwer. Die mutmasslichen Täter sind identifiziert, laufen aber bis heute frei herum. Einer davon in Visp. Die Spurensuche führt in ein internationales Neonazinetz.

Von Jan Jirát

Der heute im Oberwallis arbeitende Neonazi N. H. verfolgt Journalisten (Fretterode, April 2018).FOTO: MM

Es ist ein Bild, das Deutschland erschütterte: Ein maskierter Mann in kurzen Hosen, der angestürmt kommt, einen vierzig Zentimeter langen Schraubenschlüssel in der Hand. Das Bild hat Jan Ranke im April 2018 geschossen. Er möchte nicht, dass sein richtiger Name in der Zeitung steht. Der 27-jährige freie Journalist und Fotograf dokumentiert seit Jahren die deutsche Neonaziszene. Das Bild entstand in einem Moment panischer Angst, denn der Vermummte mit dem Schraubenschlüssel stürmte in diesem Moment auf Ranke zu. Er jagte ihn so lange, bis er den Fotografen fassen konnte, und verletzte ihn. Wie die WOZ weiss, lebt der identifizierte Angreifer auf freiem Fuss, und zwar im Oberwallis.

Kurz bevor das Bild entstand, waren Ranke und ein weiterer freier Journalist mit ihrem Auto vor einem Gutshaus in Fretterode, im ostdeutschen Bundesland Thüringen, angekommen. Dort lebt Thorsten Heise, «einer der mächtigsten Neonazis in Deutschland», wie die «Süddeutsche Zeitung» («SZ») in einer kürzlich erschienenen Rekonstruktion des Angriffs auf die Journalisten schreibt. Diese hatten gehört, dass sich bei Heise Neonazis treffen würden, um eine Demonstration vorzubereiten. Sie wollten dokumentieren, wer alles an dem Treffen auftaucht. Als plötzlich ein Mann über die Mauer des Anwesens sprang, um ihr Auto lief und dann wieder verschwand, «sind wir lieber abgehauen», wie Ranke sagt.

Stichwunde und Knochenbruch

Seiner Schilderung nach stand am Ortsausgang ein schwarzes Auto und blockierte den Fahrweg. Zwei Männer stiegen aus, einer trug einen Baseballschläger, der andere den Schraubenschlüssel. Als Letzterer auf sie losstürmte, legte sein Kollege den Rückwärtsgang ein, während Ranke das erwähnte Bild schoss. Die zwei Bewaffneten seien in ein Auto gestiegen und hätten die Verfolgung aufgenommen. Ranke schaffte es, die Speicherkarte der Kamera zu verstecken, dann landeten sie in einem Graben. Dort habe der Vermummte ihn mit einem Messer attackiert, ihm eine Stichwunde am Oberschenkel zugefügt und ihm die Kamera entrissen. Rankes Kollege traf es schlimmer: Er erlitt einen gebrochenen Stirnknochen.

Ein Jahr nach dem Überfall sind die beiden mutmasslichen Täter identifiziert. Es sind «bekannte Rechtsextreme», wie die «SZ» schreibt: G. B.*, der als «Ziehsohn von Thorsten Heise» gilt, und der damals 19-jährige N. H.*, der tatsächliche Sohn des umtriebigen Neonazi-Netzwerkers. Die zuständige Staatsanwaltschaft hat die beiden wegen schweren Raubs in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Der Fall wird von den Thüringer Justizbehörden nicht prioritär behandelt. Wann der Prozess stattfinden wird, ist völlig unklar, die Kammern seien stark ausgelastet, heisst es aus Justizkreisen. Die beiden mutmasslichen Täter laufen frei herum. N. H., der Vermummte mit dem Schraubenschlüssel, absolviere mittlerweile eine Ausbildung in der Schweiz, heisst es in der «SZ».

Spur ins Blood-&-Honour-Netz

Wie gemeinsame Recherchen von antifaschistischen Gruppen und der WOZ ergeben, ist N. H. in Visp im Oberwallis gelandet. Dort absolviert er derzeit eine Ausbildung als Heizungsinstallateur bei der Ewald Gattlen AG, einem KMU im Bereich der Gebäudetechnik. Das Unternehmen besteht seit bald dreissig Jahren, in dieser Zeitspanne hat sich die Zahl der MitarbeiterInnen von drei auf knapp sechzig erhöht. Man lege grossen Wert auf «eine familiäre Mitarbeiterkultur», heisst es auf der Firmenwebsite. Die WOZ hätte gerne gewusst, wie ein junger Mann aus Fretterode in Thüringen in einem Oberwalliser Familienbetrieb gelandet ist, doch die Firma liess die Frage unbeantwortet.

Ein Mitarbeiter des Visper Gebäudetechnikbetriebs ist jedenfalls ein alter Bekannter von Vater Thorsten Heise: Silvan Gex-Collet. Der WOZ liegt ein Foto von 2014 vor, das die beiden lächelnd beim Handschlag zeigt, zwischen ihnen ist eine Schweizer Fahne gehisst, im Hintergrund ragt eine steile Walliser Bergwand in den Himmel. Und letztes Jahr besuchte Gex-Collet das von Heise organisierte «Schild und Schwert»-Festival, das nicht zuletzt der internationalen Vernetzung der militanten neonazistischen Szene dient.

«Ich kenne Gex-Collet als Mitglied der Rechtsrockband Helvetica, die Mitte der nuller Jahre aktiv war, und als Konzertorganisator in der Blood-&-Honour-Szene», sagt Martina Renner. Die Bundestagsabgeordnete der Linkspartei ist eine profunde Kennerin der neonazistischen Strukturen in Deutschland, sie sass im Thüringer Untersuchungsausschuss zur rechtsterroristischen Organisation Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Konzerte seien in dieser Szene nicht nur Zusammenkünfte, bei denen völkisches Gemeinschaftsgefühl und rassistische Hetze ausgelebt werden könnten. Sie dienten auch Vernetzung und Finanzierung. «Blood & Honour ist die wichtigste Struktur der gewalttätigen Neonaziszene Europas, und Thorsten Heise eine ganz zentrale Figur darin», sagt Renner. Dieses Netzwerk sei eine Brutstätte des rechten Terrors. «Für die Mitglieder des NSU zum Beispiel war Blood & Honour eine unverzichtbare Unterstützungsstruktur.»

«Freizeitaktivitäten»

Die WOZ hat die Ewald Gattlen AG gefragt, ob ihr bekannt sei, dass Gex-Collet in einem militanten Neonazinetzwerk aktiv sei, ob dieser Mitarbeiter den Kontakt zu N. H. hergestellt habe und weshalb die Firma ein Porträtbild des jungen Thüringers schon länger von ihrer Website entfernt habe. Statt auf die Fragen zu antworten, verschickte die Ewald Gattlen AG folgendes Statement: «Wir distanzieren uns von jeglichen politischen Aktivitäten und haben keine Kenntnis, dass sich Angestellte von uns in einem radikalen Umfeld bewegen.» Sie beschäftige ausschliesslich MitarbeiterInnen, die die ihnen zugewiesene Arbeit zur Zufriedenheit ihrer KundInnen erledigen würden. «Die Freizeitaktivitäten unserer Angestellten kontrollieren wir nicht und nehmen auf diese auch keinen Einfluss.»

Im Sommer 2018 publizierte die antifaschistische Rechercheplattform Exif einen umfangreichen Report über die internationalen Aktivitäten von Blood & Honour und deren bewaffnetem Arm Combat 18 – gestützt auf geleakte interne Mails, Dokumente und Kontoauszüge (siehe WOZ Nr. 32/18). Der Report dokumentiert eine Handvoll Schweizer Combat-18-AktivistInnen in diesem international ausgerichteten neonazistischen Netz, darunter Silvan Gex-Collet sowie die Rechtsrockband Amok aus dem Zürcher Oberland um den mehrfach vorbestraften Sänger Kevin Gutmann, der ebenfalls enge Kontakte zu Thorsten Heise pflegt.

Schon mehrfach hat die WOZ dem Nachrichtendienst des Bundes (NDB), der für den Bereich «gewalttätiger Extremismus» zuständig ist, Fragen zu den Aktivitäten und zur Gefährlichkeit von Blood & Honour in der Schweiz gestellt. Zurück kam stets dieselbe Antwort: «Der NDB äussert sich grundsätzlich nicht zu einzelnen Gruppierungen oder Organisationen.» Für weitere Auskünfte zum Thema verweist er auf seinen jährlichen Lagebericht «Sicherheit Schweiz», der letzte Woche erschien. Dieser hält fest, dass «die Schweizer rechtsextreme Szene im Aufwind ist». Zudem werde der Umgang mit Schusswaffen geübt, Kampfsportarten würden trainiert. In einem Interview mit der NZZ antwortete Geheimdienstchef Jean-Philippe Gaudin auf die Frage, ob sich die rechtsextreme Szene international vernetze, übrigens wie folgt: «Weniger als die linksextremistische Szene. Diese ist nicht nur besser vernetzt, sondern auch besonders gewaltbereit.»

«Sie haben mich nicht gebrochen»

Wieso N. H. nach seinem gewalttätigen Übergriff in die Schweiz zog, ist nicht restlos klar. Eine entsprechende Anfrage bei seinem Anwalt blieb unbeantwortet, er äussere sich nicht zu einem laufenden Verfahren. Angst vor den deutschen Strafverfolgungsbehörden scheint N. H. offenbar keine zu haben: Erst vor wenigen Tagen tauchte er sichtbar entspannt am Eichsfeldtag in seiner alten Thüringer Heimat auf, einem «Familienfest» der rechtsextremen Partei NPD, das jeweils sein Vater organisiert. In seinem Schlepptau waren auch zwei junge Männer aus dem Wallis dabei, wie Fotos belegen.

Jan Ranke, der vor einem Jahr beim Fotografieren beim Heise-Anwesen so brutal attackiert worden war, war nicht vor Ort. «Es tut mir nicht gut, wenn ich weiss, dass Heise und sein Sohn anwesend sind.» Ranke war an einer anderen Nazidemo, um diese zu dokumentieren. «Ich lasse es mir nicht nehmen weiterzumachen. Sie haben mich nicht gebrochen», sagt Ranke.

* Namen der Redaktion bekannt.

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