Nr. 22/2019 vom 30.05.2019

Nur ein Junge in der Ecke

Die Mutter eine «queen», die Queen eine «cunt»: So klingt es auf «Nothing Great about Britain», dem Debütalbum des britischen Rappers Slowthai. Darauf macht er so ziemlich alles richtig.

Von Alice Galizia

Der Drang, etwas zu erleben im tristen Noch-nicht-Brexit-Land: Slowthai. Foto: CROWNS & OWLS

Slowthai liegt mit nacktem Oberkörper im Bett, DIY-Tattoos, eine Zigarette zwischen den nervös zuckenden Lippen, Dosenbier – bevor er sich ins Nachtleben stürzt, mit Herzrasen auf in den Club. Das Video zu Slowthais «Doorman» erinnert ein wenig an das zu «Smack My Bitch Up» von The Prodigy – diese völlige Kopflosigkeit, die fahrige Kamera, die den britischen Rapper durch die bunten Lichter begleitet: auf der Suche nach mehr, nach irgendwas.

«Doorman» erzählt vom Verliebtsein in ein Mädchen aus der High Society, und da beginnen die Probleme eben schon an der Clubtür, wo der Junge aus der Unterschicht nicht eingelassen wird. Und dann, endlich drin, kann er nicht aufhören zu rauchen, taucht wie einst Mark Renton in «Trainspotting» ins Klo – nicht auf der Suche nach Methadonkapseln, sondern nach einer Packung Zigaretten. Aber rauchen geht natürlich nicht in diesem Schickimickiclub, also wird er von vier Securitys in Anzügen überwältigt und wieder rausgeworfen.

Zwischen Club und Arbeitslosigkeit

Slowthai, mit bürgerlichem Namen Tyron Kaymone Frampton, hat mit 23 Jahren kürzlich sein erstes Album veröffentlicht: «Nothing Great about Britain». Nach zwei EPs geht der Erfolg des Jungen aus Northampton, der eigentlich nur für Northampton Musik machen wollte, gerade durch die Decke – und das völlig zu Recht. Auf dem Album finden sich Featurings mit Grime-Grössen wie Skepta und Jaykae – wobei diese gegen Slowthais verschmitzte Art des Sprechgesangs schon fast etwas lahm wirken.

Man hört den Grime, wenn Slowthai über die Breakbeats tänzelt – jedes Torkeln mit Absicht und im letzten Moment noch aufgefangen. Man möchte kaum glauben, dass dieser begnadete Rapper früher genuschelt hat, sich die Leute über sein langsames Sprechen lustig gemacht haben: Aus Tyron wurde Slow Ty und daraus irgendwann Slowthai. Musikalisch geht das Album über Grime hinaus, es ist vor allem verspielter, eine Mischung aus verschiedenen Stilen der britischen Popgeschichte. Ein Track wie «Doorman» ist nicht nur in der Haltung Punk, sondern klingt auch so: mit der Dringlichkeit in der Stimme über den harten Riffs. Ein kleiner Ausflug mit liebem Gruss an die Sleaford Mods. Diese Haltung ist auch bei seinen Liveauftritten zu spüren: Am liebsten nur in Shorts, der drahtige Körper voller Energie, rennt und springt er auf der Bühne und irgendwann mitten im Publikum herum.

Slowthai erzählt in seinen Texten von AussenseiterInnen, Arbeitslosen, Drogenabhängigen – versiertes Storytelling, auch das kann er. In seinen Videos zitiert er sich wild durch die britische Popkultur: neben «Trainspotting» auch «Clockwork Orange» oder «Human Traffic». So geht es viel um Drogen, um das Leben zwischen Club und Arbeitslosigkeit. Und um Slowthai selber: einen Jungen aus der britischen Arbeiterklasse mit Wurzeln in Barbados und Irland.

Ticketpreis: 99 Pence

Aufgewachsen ist er bei seiner alleinerziehenden Mutter mit wenig Geld, ihr zwischenzeitlicher Freund war Dealer und drogenabhängig. Darüber rappt Slowthai in «Northampton’s Child», dem letzten Track auf dem Album: eigentlich ein Liebesbrief an seine Mutter, die ihn mit sechzehn bekommen und die Familie durchgebracht hat, mit täglichen Zwölfstundenschichten: «Only queen / Raised me up and kept me clean», die einzige Queen, die ihn aufgezogen und gewaschen hat (oder eben auch: geschaut hat, dass er clean bleibt). Und wenn die Mutter schon die einzige Queen ist, dann kann die eigentliche Queen nur eines sein: «Elizabeth, you cunt».

Slowthais manisches Grinsen lässt die Verzweiflung über den Zustand Grossbritanniens vermuten, sagt aber vor allem eines: Da macht sich einer über diese Zustände auch lustig. Als Werbung für das neue Album «Nothing Great About Britain» liess Slowthai grosse Plakate aufhängen: «78 Prozent der grossen Firmen im Vereinigten Königreich entlöhnen Männer besser als Frauen» oder «Fans von Boris Johnson beschreiben ihn als humorvoll, intelligent, charismatisch und clever» – nichts grossartig an diesem Grossbritannien eben. Danach ging er eine Woche auf Tour durch britische Kleinstädte – Ticketpreis: 99 Pence. Im Oktober werden die Tickets für seine Tour durch Grossbritannien fünf Pfund kosten.

Das macht vielleicht die Faszination für Slowthai aus, diese Mischung aus Scheissegal-Punk-Attitüde und politischem Bewusstsein. Und dazu der Drang, etwas zu erleben in diesem tristen Noch-nicht-Brexit-Land. Das Album sollte eigentlich pünktlich zum Brexit erscheinen, aber da hat der Staat nicht mitgemacht – was ja eigentlich ziemlich passend ist. Klar sind die Themen da oft ernst, prekäre Lebensbedingungen, Arbeitslosigkeit; vor allem aber wird das bei Slowthai mit viel Humor verarbeitet, selbstbewusst und selbstironisch. Seine Selbsteinschätzung: «Ich bin nicht Dizzee Rascal, ich bin nur ein Junge in der Ecke.» Man möchte diesem Jungen noch lange zuhören. Es sind eben doch ein paar Dinge great about Britain.

Slowthai spielt am 31. Mai 2019 an der Bad Bonn Kilbi in Düdingen.

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