Nr. 21/2019 vom 23.05.2019

Die Schutztruppe der rosa Klinik

Vor der einzigen Abtreibungsklinik im Bundesstaat Mississippi demonstrieren jeden Werktag Dutzende christliche FundamentalistInnen, schüchtern Patientinnen ein und bedrohen Angestellte. Doch es gibt auch Freiwillige, die sich ihnen tagtäglich entgegenstellen.

Von Daniel Stern, Jackson

Das Haus ist schnell an seiner rosa Farbe auszumachen. Es steht inmitten eines Geschäftsviertels in Jackson, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Mississippi. Doch wer die einzige Abtreibungsklinik in diesem konservativen Südstaat sucht, der würde sie auch ohne die Farbe schnell finden. Jeden Tag stehen ein paar Dutzend AbtreibungsgegnerInnen auf den Trottoirs rund um die Klinik, halten Bilder von verstümmelten Föten in die Luft, singen religiöse Lieder oder prangern die Abtreibung per Lautsprecher als Todsünde und Mord an.

Derenda Hancock kennt die meisten der Protestierenden mit Namen. Die Frau mit den langen weissen Locken und der verspiegelten Sonnenbrille ist fast täglich hier anzutreffen. Sie gehört zu einer Gruppe von Leuten, die sich «Clinic Escorts» nennen und das Recht auf Abtreibung verteidigen. «Wir reden täglich mit diesen Leuten», sagt sie. «Die wollen die Patientinnen und das Klinikpersonal belästigen. Aber wir machen es ihnen so schwer wie möglich.»

Bombenanschläge und Morde

Clinic Escorts gibt es auch vor anderen Abtreibungskliniken in den USA. Die Freiwilligenorganisationen wurden als Antwort auf die immer aggressiver auftretenden AbtreibungsgegnerInnen gegründet. Die Diskussion um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch wird in den USA seit Jahrzehnten hochemotional geführt. Seit dem wegweisenden Urteil von 1973 im Prozess «Roe vs. Wade» vor dem Obersten Gerichtshof ist Abtreibung Privatsache und in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft legal. Viele konservative Staaten versuchen allerdings, Abtreibungen zu erschweren und den Betrieb der Kliniken einzuschränken. So verfügte Mississippi Anfang der achtziger Jahre noch über vierzehn Kliniken, die Schwangerschaftsabbrüche vornahmen. Doch inzwischen sind Proteste vor Abtreibungskliniken speziell im Süden der USA zur Normalität geworden. Seit den neunziger Jahren haben extremistische Abtreibungsgegner auch immer wieder Bombenanschläge und Morde verübt. Dabei sind unter anderem vier Ärzte, zwei Klinikangestellte, ein Wachmann und auch ein Clinic-Escort-Mitglied ums Leben gekommen. Der folgenschwerste Anschlag ereignete sich im November 2015, als ein selbsternannter «Krieger für die Babys» drei Menschen vor einer Klinik in Colorado Springs erschoss und mehrere verwundete.

Seit zwei Jahren habe die Zahl der Drohanrufe und Einschüchterungen wieder stark zugenommen, sagt Hancock. Die Wahl des vor seiner Kandidatur zum Abtreibungsgegner gewordenen Donald Trump zum US-Präsidenten habe der Szene weiteren Auftrieb gegeben und sie radikalisiert. «Letzthin wurden die Fenster der Klinik eingeschlagen», ergänzt Kim Gibson, die ebenfalls täglich als Clinic Escort Freiwilligenarbeit leistet. Man merke die Radikalisierung aber auch an der Sprache: «Abtreibungsärzte werden als Mörder bezeichnet.» Die Clinic Escorts nähmen die Bedrohung ernst, so Hancock: «Ich versuche deshalb, mehr über die Protestierenden hier herauszufinden. Je mehr wir wissen, desto besser sind wir geschützt. Wenn ich nicht hier stehe oder arbeiten muss, recherchiere ich.»

Auch auf gesetzlichem Weg versuchen derzeit die AbtreibungsgegnerInnen, das Rad zurückzudrehen (vgl. «Immer mehr Verbote» im Anschluss an diesen Text). Besonders aktiv bei den Gesetzesverschärfungen ist Mississippi. Der derzeitige Gouverneur Phil Bryant hatte nach seiner Amtsübernahme 2011 als wichtigstes Ziel bekannt gegeben, «Abtreibungen in Mississippi zu beenden». «Dabei hat der Staat die miserabelste Infrastruktur, den tiefsten Mindeststundenlohn und die höchste Armutsrate aller Bundesstaaten», ärgert sich Hancock. «Das sagt alles über die Prioritäten in Mississippi aus.»

Wer ins rosa Haus gelangen will, muss von der Hauptstrasse in eine kleine Quartierstrasse einbiegen und anschliessend ein Tor passieren. Eine rote Linie macht den AbtreibungsgegnerInnen klar, bis wohin sie gehen dürfen, sonst droht eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch. Die Klinikleitung hat zudem einen Wachmann engagiert, der mit einer Pistole am Gurt den ganzen Tag am Tor steht. Die Clinic-Escort-AktivistInnen, die eine regenbogenfarbene Sicherheitsweste tragen, winken anfahrende Autos in die Einfahrt. Wenn alle Parkplätze belegt sind, dirigieren sie sie an Ausweichorte und holen die InsassInnen mit einem Shuttlebus ab.

Viele Patientinnen haben lange Anfahrten von bis zu dreieinhalb Stunden hinter sich. Sie kommen aus dem ganzen Bundesstaat – Mississippi ist dreimal so gross wie die Schweiz – und auch aus angrenzenden Staaten. Wer sich für eine Abtreibung entscheidet, muss in Mississippi per Gesetz zuerst an einem Beratungsgespräch in der Klinik teilnehmen und darf erst 24 Stunden später den Eingriff vornehmen lassen. Das bedeutet für viele der wirtschaftlich oft schlecht gestellten Patientinnen eine grosse finanzielle Belastung, weil sie zwei Arbeitstage verlieren. Die Krankenkassen übernehmen den Eingriff nicht. Auch dann nicht, wenn eine Schwangerschaft aufgrund einer Vergewaltigung entstand.

Grossfamilie im Protest

Fahren die Patientinnen mit ihren Autos vor, werden viele schon auf der Quartierstrasse von meist jungen Mädchen angehalten, wie es an mehreren Tagen Ende Februar zu beobachten war. Die Mädchen tragen ebenfalls Sicherheitswesten, sodass sie leicht mit den Clinic Escorts verwechselt werden können. Sie versuchen, die Frauen in ein sogenanntes Krisenzentrum um die Ecke zu lotsen. Dort wird ihnen gratis eine Ultraschalluntersuchung angeboten. Ausserdem sollen sie davon überzeugt werden, ihre Schwangerschaft fortzusetzen. «Wir kennen viele Leute, die Babys adoptieren wollen», sagt dazu Laura Duran, die das «Krisenzentrum» unterstützt. Die ältere Dame ist Präsidentin von Pro-Life Mississippi, Teil einer USA-weiten Organisation von AbtreibungsgegnerInnen. Mindestens einmal in der Woche sitzt sie auf einem Campingstuhl neben dem Klinikeingang. Neben sich hat sie ein Schild mit der Aufschrift «Betet, um Abtreibung zu beenden» in die Erde gesteckt.

Um den Eingang der Klinik herum stehen oft auch vier Knirpse. Sie gehören zu einer zwölfköpfigen Familie, die hier fast jeden Tag für mehrere Stunden auftaucht. Ihre Eltern sind dem harten Kern der Protestierenden zuzurechnen, die älteren Kinder halten Protestschilder hoch oder sprechen Patientinnen an. In die Schule müssen sie nicht, sie werden von ihrer Mutter unterrichtet. Diese will nicht mit der Presse reden, sagt jedoch, sie lasse sich in ihrem Handeln von Gott leiten.

Musik gegen ParolenschreierInnen

Täglich ist auch Pro-Life-Mitglied Doug Lanne vor der rosa Klinik anzutreffen. Oft steht er etwas abseits des Eingangs und fotografiert die Nummernschilder der einfahrenden Autos. Wenn er realisiert, dass eine Angestellte der Klinik vorfährt, gerät er in Rage und schreit so lange Parolen, bis die Angestellte hinter den Toren der Klinik verschwunden ist. Auch Lanne will nicht mit der Presse reden. Alle ÄrztInnen, die in der rosa Klinik arbeiten, werden aus anderen Staaten für ihre Schichten eingeflogen. Es wäre für sie zu gefährlich, in Mississippi zu leben.

In letzter Zeit würden wieder mehr AbtreibungsgegnerInnen auftauchen, sagt Hancock. So wie der junge Mann, auf dessen Jacke «Bereue oder gehe unter» und «Fürchte Gott» steht. Auf Fragen des Reporters antwortet er mit Gegenfragen – oder droht mit der Hölle. Ein anderer hält eine grosse Bibel unter dem Arm und antwortet nur mit passenden Zitaten aus dem Buch. Ein Dritter fällt durch seinen roten Kapuzenpullover auf, der ihn als Mitglied eines Präzisionswaffenklubs auszeichnet.

Hin und wieder fährt ein Fahrzeug der städtischen Polizeibehörde vorbei. Jackson ist inmitten des tiefkonservativen Mississippi an sich eine progressive Stadt. Der 36-jährige Bürgermeister Chokwe Antar Lumumba hatte vor seiner Wahl 2017 versprochen, die Stadt zur «radikalsten Stadt des Planeten» zu machen. Er wurde im Wahlkampf vom Malcolm X Grassroots Movement unterstützt, einer Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, im Süden der USA einen unabhängigen Staat mit afroamerikanischer Mehrheit zu gründen. «Wir setzten so viel Hoffnung auf ihn», sagt Hancock, «doch er ist eine grosse Enttäuschung.» In seinem Amt sei Lumumba zu einem «normalen Politiker» geworden. Er würde nichts gegen die Einschüchterungen unternehmen, unter denen das Klinikpersonal zu leiden habe.

Wenn die AbtreibungsgegnerInnen in ihre Mikrofone schreien, dann helfen sich die Clinic-Escort-Leute meist selber. Sie stellen die Rockmusik lauter, die aus den grossen mitgebrachten Boxen ertönt. Sie sind schon um acht Uhr morgens da, wenn die ersten Patientinnen kommen. Sie bleiben dann bis halb drei, manchmal vier Uhr nachmittags. Für Kim Gibson ist es ein sehr grundsätzlicher Kampf, der hier stattfindet: «Die glauben, wir sollen uns alle nach ihrer Religion richten. Dabei wollen sie den Körper der Frauen kontrollieren», sagt sie. Dann fügt sie an: «Wir müssen das Recht auf unseren Körper wieder verteidigen. Nach all den Jahren. Das ist hart.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch