Nr. 19/2019 vom 09.05.2019

Und Goger spielt Golf

Der Fall des Gipserbetriebs Goger-Swiss ist im Ausmass einzigartig: Neue Dokumente zeigen, wie Lohnkontrollen systematisch unterlaufen und ungarische Mitarbeiter um mehrere Millionen geprellt wurden.

Von Anna Jikhareva und Kaspar Surber

Attila Szilagyi und Bela Balogh sitzen am Küchentisch und blättern in einer alten «Blick»-Ausgabe: «Einer lügt!», steht auf der Titelseite. Sorgfältig haben sie die Zeitung aufgehoben – als Erinnerung an die vielleicht schwerste Demütigung ihres Lebens. Und daran, wie die beiden Gipser sich gegen Ausbeutung zur Wehr setzten und damit einen der grössten Schweizer Lohndumpingskandale ins Rollen brachten. Einen Skandal, in dessen Zentrum die Goger-Swiss AG steht, das frühere Gipserunternehmen des Österreichers Kurt Goger.

Mit der Holzverkleidung wirkt die schmucklose Wohnung in einer kleinen Aargauer Gemeinde wie ein rustikales Feriendomizil. Alles hier drin ist ordentlich aufgeräumt, persönliche Gegenstände der beiden Bewohner fehlen. Szilagyi und Balogh leben hier jeweils nur für einige Wochen, dazwischen besuchen sie ihre Familien in Ungarn. Arbeiten, schlafen, arbeiten, ein paar Tage in der Heimat: ein Leben, wie es viele ausländische BauarbeiterInnen in der Schweiz führen.

Elf Euro und achtzig Cent in der Stunde. So lautete das Versprechen, das Szilagyi und Balogh einst in die Schweiz brachte. Ein Lohn, weit höher, als man ihn in Ungarn je als Gipser verdienen kann. Und deutlich tiefer, als ihn jeder Gesamtarbeitsvertrag (GAV) in der Schweiz garantiert. Balogh erinnert sich noch genau an die Episode auf der Baustelle, als klar wurde, dass man ihn und seine Landsmänner ausnutzt: «Wir haben alle unseren Lohn auf eine Tafel geschrieben. Zuerst die Schweizer Kollegen, danach wir. Sie haben uns ausgelacht.»

Jahrelang haben die beiden Arbeiter seither für ihre Rechte gekämpft: Sie haben ihren Job verloren, mussten langwierige Prozesse erdulden und sich schwerwiegende Vorwürfe gefallen lassen. Wie Recherchen der WOZ und des SRF-Magazins «Rundschau» nun nahelegen, waren Balogh und Szilagyi die ganze Zeit über im Recht. Der Skandal um Goger-Swiss hat eine weit grössere Dimension als bisher bekannt. Und er zielt mitten in eine der hitzigsten Politdebatten der Schweiz: jene um das EU-Rahmenabkommen und einen angemessenen Lohnschutz.

Aussage gegen Aussage

Die Auseinandersetzung um Goger-Swiss beginnt Anfang 2015. Kurt Goger – Typ smart, gebräunt, gewinnend – mischt bereits seit Jahren den Zürcher Bausektor auf. Die Generalunternehmen ziehen Goger regelmässig den angestammten Betrieben vor. Ob das Wohnbauprojekt Freilager oder das Fifa-Museum, die prestigeträchtige Kunsthochschule im Toni-Areal oder das luxuriöse Hotel Atlantis: Immer erledigt Goger-Swiss Gipsarbeiten, die als qualitativ hochwertig und professionell ausgeführt gelten und die auch noch ausserordentlich günstig sind. «Trockenbau in ungeahnten Dimensionen»: Das Firmenmotto scheint in jeder Hinsicht zu stimmen.

Bis der «Blick» publik macht, dass Gogers Firma Dutzende ungarische Beschäftigte systematisch ausnutzt. Der Hauptvorwurf: Sie müssten einen Teil des ausbezahlten Lohns wieder zurückerstatten. Zudem würden Überstunden nicht bezahlt, zu hohe Mietkosten verrechnet. Es folgt eine gehässige Auseinandersetzung. Die Gewerkschaft Unia unterstützt die Arbeiter und blockiert mehrere Baustellen von Goger-Swiss, auch die Zürcher Gipsermeister prangern Gogers Praktiken an.

Die «Weltwoche» wiederum stellt sich auf die Seite der Firma. Das Blatt spricht von «Rufmord»: Die Unia wolle einen redlichen Unternehmer ruinieren. Zum Showdown kommt es schliesslich auf dem Lokalsender Tele Züri, als der damalige Zürcher Unia-Leiter Roman Burger auf Goger trifft. Der Unternehmer verliert die Contenance, beschimpft seine Kontrahenten als «schweinisches Pack» (vgl. «Baurs Kampagne» im Anschluss an diesen Text).

Der erbitterte Konflikt beschäftigt bald auch die Gerichte. Goger, der sich einer Kampagne ausgesetzt sieht, verklagt alle, die sich ihm in den Weg stellen: die ungarischen Arbeiter, GewerkschafterInnen, den Verband der Gipsermeister, den «Blick». Die paritätische Kommission der Sozialpartner wiederum verklagt Goger. Am Ende steht Aussage gegen Aussage.

Wie ein billiger Lokalkrimi

Drei Jahre später hat sich das Blatt gewendet. Die Verfahren gegen Balogh wegen Verleumdung und Gewerkschafter Burger wegen Nötigung stehen kurz vor der Einstellung. Die Untersuchung gegen Goger, unter anderem wegen Betrug und Urkundenfälschung, läuft hingegen auf Hochtouren. Seine Firma Goger-Swiss musste im letzten Jahr Konkurs anmelden. Goger selbst wird von den Schweizer Behörden international gesucht. Er soll Anfang des Jahres in Italien festgenommen worden, dann aber nach Österreich entkommen sein. Unterlagen aus dem Verfahren, die die WOZ einsehen konnte, belegen Gogers Methoden detailliert und zeigen das Ausmass des mutmasslichen Betrugs.

Lange haben die KadermitarbeiterInnen von Goger-Swiss die Sicht ihres Chefs verteidigt. Alles sauber, alles bestens – oder, um nochmals aus dem Firmenprospekt zu zitieren: «Damit Sie uns in bester Erinnerung behalten.» Mittlerweile aber haben der ungarische Personalchef, ein Projektleiter und die Officemanagerin die erzwungenen Lohnrückzahlungen zugegeben: Wie aus den Akten hervorgeht, wurde offenbar eine Schattenbuchhaltung geführt, um die Zahlungen zu vertuschen.

Das System funktionierte so: Der Personalchef vereinbarte mit den Arbeitern einen Stundenlohn. Intern wurde Buch geführt, wie viele Arbeitsstunden die Mitarbeiter leisteten. Daraus ergab sich der Dumpinglohn, der ihnen zustand. Die Firma zahlte allerdings monatlich einen Nettolohn aus, der auf einer Vierzigstundenwoche basierte. Die Differenz zwischen dem ausbezahlten und dem vereinbarten Lohn mussten die Arbeiter schliesslich zurückgeben. So war die Abmachung mit den Arbeitern eingehalten – und nach aussen hin auch der GAV.

Ein Beispiel: Arbeiter X bekam in einem Monat einen Nettolohn von 3400 Franken ausbezahlt. Gemäss der Abmachung verdiente er aber nur rund 2600 Franken. Demnach musste Arbeiter X die Differenz – in diesem Fall 800 Franken – an den Personalchef zurückzahlen, und zwar in bar.

Die Befragungsprotokolle der KadermitarbeiterInnen lesen sich wie ein billiger Lokalkrimi. So erklärt etwa der Personalchef, wie er das Geld von den Arbeitern einzog:

«Meistens auf der Baustelle, im Goger- Umkleideraum, im Container, in den Wohnungen der Mitarbeiter oder in Budapest.»

Ermittler: «Was geschah mit dem Geld?»

«Das eingezogene Geld habe ich dann im Goger-Büro abgegeben.»

Ermittler: «Wem übergaben Sie das Geld genau?»

«Meistens habe ich das Geld direkt Herrn Goger übergeben.»

Ermittler: «Wie weit wurden die Geldübergaben quittiert?»

«Es wurde niemals quittiert.»

Dass Kurt Goger die treibende Kraft hinter den Zahlungen war, bestätigt auch der Projektleiter der Firma: «Er war der Inhaber der Goger-Swiss AG und hat sämtliche Fäden gezogen.» Die Officemanagerin wiederum putzte für Goger auch die Wohnung. Dort machte sie eines Tages eine erstaunliche Entdeckung: «Unter seinem Bett waren diverse Couverts mit Geld, sicher zehn bis fünfzehn Couverts, die teils nicht verschlossen waren. Bei der nächsten Reinigung waren alle Couverts weg.»

Gemäss den vorliegenden Zahlen sollen von Ende 2012 bis Anfang 2015 Lohnrückzahlungen von mehr als 1,2 Millionen Franken geleistet worden sein. Wegen des laufenden Verfahrens wollen alle drei zitierten MitarbeiterInnen nicht mit den Medien sprechen. Die Zürcher Staatsanwaltschaft will das Verfahren auf Anfrage nicht kommentieren. Für alle beteiligten Personen gilt die Unschuldsvermutung.

In der kleinen Wohnung im Aargau erklärt Arbeiter Balogh, warum das System so lange nicht aufflog. «Das Mantra war immer gleich: Wenn es euch nicht gefällt, könnt ihr ja zurückgehen. Zudem haben sie den Lohn immer erst im Folgemonat ausbezahlt, um Druck zu machen, dass wir bleiben.» Als sich Balogh und Szilagyi wehrten, wurde ihnen gekündigt. Szilagyi, ein gemütlicher Mann mit kräftigem Händedruck, erinnert sich: «Ich hatte mich geweigert, ein Dokument zu unterschreiben, dass ich meinen Lohn stets ordnungsgemäss erhalten hatte.»

Beispiellose Täuschung

Im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) hat auch ein unabhängiger Lohnprüfer Gogers Buchhaltung durchleuchtet. Sein Bericht für einen Zeitraum von mehr als drei Jahren kommt zu einem vernichtenden Ergebnis. So stimmten etwa die Angaben, die das Unternehmen gemäss Berechnungstool des Schweizerischen Maler- und Gipser-Verbands auswies, bei weitem nicht mit internen Unterlagen von Goger-Swiss überein. Erst durch Akteneinsicht im Strafverfahren kam der Prüfer zu den richtigen Stundenabrechnungen. «Der Unterzeichnende erachtet den Umstand, mit offensichtlich falschen Zahlen beliefert zu werden, als beispiellos», schreibt der Prüfer.

Gemäss der Untersuchung verletzte Goger in dreizehn Punkten die Bestimmungen des GAV. Indem er seine 261 Angestellten regelmässig an Samstagen arbeiten liess, die zulässige Maximalarbeitszeit überschritt und die Überstunden nicht richtig vergütete, enthielt er ihnen zusätzlich Lohnzahlungen von mindestens 3,2 Millionen Franken vor. Laut dem Kontrollbericht belaufen sich die Schulden gegenüber Balogh auf rund 35 000, gegenüber Szilagyi auf etwa 28 000 Franken. Die Vorwürfe der Unia, dass Goger seinen Arbeitern unrechtmässig Pauschalbeträge für Wohnung und Auto abziehen würde, lassen sich laut dem Bericht hingegen nicht belegen.

Die 1,2 Millionen, die Goger aufgrund der Lohnrückzahlungen erhalten haben soll; die 3,2 Millionen, die er seinen 261 Mitarbeitern wohl vorenthielt: Goger dürfte seine ungarischen Mitarbeiter um mehrere Millionen Franken geprellt haben. Vom Wettbewerbsvorteil, den er sich mit dem Lohndumping verschaffte und den daraus folgenden Profiten ganz zu schweigen. Bei all dem stellt sich die Frage: Wo ist Goger mit dem Geld hin? Oder vielleicht auch: Warum brauchte er es so dringend?

Ein Ausflug auf den Golfplatz

Wer das herausfinden will, fährt am besten bis fast an die österreichisch-ungarische Grenze: zu Gogers Geburtsort Neudauburg im südlichen Burgenland. Die Gegend ist bekannt für ihre Thermen und Golfplätze. Gemäss österreichischem «Golf-Guide» befindet sich hier nicht nur die grösste Golfanlage des Landes, sondern auch die schönste. An 300 Tagen im Jahr soll in der «Golfschaukel» die Sonne scheinen. An diesem Dienstag Ende April regnet es allerdings in Strömen, nur wenige SpielerInnen kurven mit ihren Carts über den Rasen.

Die Schilder im Klubrestaurant verraten, dass Goger ein passionierter Golfer sein muss. Dreimal war er bereits Klubmeister, zuletzt im Jahr 2005. Bei den Frauen gewann damals seine langjährige Lebensgefährtin. Wie die «Burgenländische Volkszeitung» berichtete, machte ihr Goger unter dem Applaus der KlubkollegInnen einen Heiratsantrag. Auch der gemeinsame Sohn glänzte an den Turnieren, wurde später Golfprofi. «Gute Gäste, nette Leute waren das», erinnert sich der Wirt.

Bei der Besichtigung der Anlage wird rasch deutlich: Rund um den Golfplatz erfüllte Goger sich und seiner Familie einst einen Traum, schuf ein neureiches Paradies. Oben am Hang errichtete sich Goger eine prächtige Villa mit Aussenpool, die sich kühn über die «Golfschaukel» erhebt. In den Südhang hineingebaut, das Dach grösstenteils mit Gras bewachsen, befindet sich weiter unten das Golf- und Spahotel Das Gogers. Bei seiner Eröffnung 2004 bot es alles, was das GolferInnenherz begehrt: Wellnesszentrum und Gourmetlokal sowie eine direkte Einfahrt in den Zimmertrakt für die Carts.

Gogers Traum währte nicht lange. Gemäss der «Burgenländischen» überschritt er beim Bau des Hotels mit seiner damaligen Firma K. Goger Bau GmbH die Kosten um mehr als das Doppelte. Statt wie vorgesehen 3,6 kostete die Anlage am Ende 8 Millionen Euro. Nur wenige Monate nach der Eröffnung willigte Goger mit seinen GläubigerInnen in einen stillen Vergleich ein. «Das Gogers» blieb noch bis 2010 in Betrieb, dann musste es Konkurs anmelden. Die Liegenschaft wurde erst als Verwaltungszentrum von Pflegeheimen genutzt, in Zukunft sollen sich hier Burn-out-Erkrankte aus ganz Europa erholen.

«Viele hier in der Gegend schimpfen über Goger», erzählt ein Nachbar der Villa. Die Arbeiter hätten am Morgen das Hotel und am Nachmittag die Villa bauen müssen. «Dafür wurden sie schlecht bezahlt.» Bei einigen seien immer noch Forderungen ausstehend. Nach der Kostenüberschreitung beim Hotel begann Goger seine Geschäftstätigkeit in der Schweiz: Die in Dietlikon domizilierte Firma war erst in Graubünden, dann in Zürich tätig.

Bessere Kontrollen nötig

Bereits 2012 warnten die Bündner Behörden das Zürcher Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) in einem Schreiben, das der WOZ vorliegt, dass Beschäftigte zu einem viel zu tiefen Stundenlohn angestellt seien. Und obwohl die Paritätische Kommission bereits bei der Baustelle auf dem Toni-Areal bei einer Lohnkontrolle erstmals Missstände feststellte, konnte die Goger-Swiss AG ihr Geschäftsmodell mehrere Jahre weiter aufrechterhalten.

Severino Cassani, Vertreter der Gipsermeister in der Paritätischen Kommission, meint rückblickend: «Wir sind beim AWA mit unserer Kritik nicht durchgedrungen.» Dass sie nun wohl recht bekämen, sei deshalb eine riesige Genugtuung. Den Vorwurf, dass die örtlichen Gipsermeister mit der Unia gemeinsam Protektionismus betrieben hätten, weist Cassani von sich: «Nein, das war keine Kampagne. Wir haben mit dem Sozialpartner zusammengearbeitet, weil es darum ging, einen sauberen Markt zu haben.»

Für Lorenz Keller, den heutigen Kogeschäftsleiter der Unia Zürich-Schaffhausen, ist der Fall Goger zwar ein Einzelfall, was das Ausmass angeht, nicht aber in der Systematik. «Die Instrumente, die wir heute zum Lohnschutz haben, reichen nicht mehr.» Wenn keine schriftlichen Dokumente vorlägen, lasse sich Lohndumping kaum belegen. «Damit steht das Versprechen des Lohnschutzes auf der Kippe. Es betrifft nicht nur einzelne ungarische Arbeiter, sondern ganze Branchen.» Keller fordert deshalb neue Instrumente: «Eine obligatorische Abklärung von Firmen bei der Vergabe von Aufträgen. Die Möglichkeit, Baustellen zu stoppen, um effektiv Lohnkontrollen durchführen zu können. Zudem braucht es mehr Mittel für die Strafverfolgungsbehörden, um kriminelle Arbeitgeber zu bekämpfen.» Schliesslich müssten auch die Bauherren und Auftraggeber im Fall von Lohndumping in die Pflicht genommen werden können.

Im Fall Goger wollen die Generalunternehmen auf Anfrage ihrer Verantwortung nachkommen und die Ansprüche der ungarischen Arbeiter prüfen. «Wir sind bereit, mit mutmasslich geschädigten Personen an einen Tisch zu sitzen», schreibt Implenia. Allreal teilt mit, man habe in Fällen von nachgewiesenem Lohndumping bei der Goger-Swiss AG schon einzelne Entschädigungen gezahlt und wolle das auch in weiteren Fällen tun, sofern die Ansprüche nicht verjährt seien.

Zum Schluss des Gesprächs servieren Bela Balogh und Attila Szilagyi selbst gemachte Palacsinta mit Aprikosenkonfitüre, eine Art ungarische Pfannkuchen. «Ich habe mich nicht fürs Geld gewehrt», sagt Balogh. «Der Umgang mit uns war erniedrigend.» Es habe Mut und Nerven gebraucht, Widerstand zu leisten. Szilagyi pflichtet ihm bei: «Ich möchte endlich wieder in Ruhe arbeiten.» Zu Goger meint Balogh: «Wenn ich ihn wieder einmal treffen würde, hätte ich ihm nichts zu sagen. Das Schicksal wird ihn einholen.»

Noch ein Golfplatz

Seine Villa im Burgenland musste Goger nach dem Konkurs vor einem Jahr verkaufen. Er lebt heute in Bad Waltersdorf – wieder in der Nähe eines Golfplatzes. Vor seinem Haus parken zwei Audis, beide mit Schweizer Kennzeichen. Eines davon ist auf Gogers Frau zugelassen, das andere auf die Siko AG mit Sitz in Pratteln im Kanton Baselland: Die frühere Tochterfirma von Goger-Swiss ist ebenfalls im Trockenbau tätig. Die Tür öffnet niemand. Goger hat bisher immer alle Vorwürfe bestritten. Auf mehrfache Nachfrage teilt sein Anwalt schliesslich schriftlich mit: «Herr Goger wünscht nicht interviewt zu werden und gibt auch keine Stellungnahme ab.»

Das Golfen kann sich Goger auf alle Fälle weiterhin leisten, wie sein Trainer bestätigt: Der «Kurtl» komme regelmässig zum Training. Auch auf dem Golfplatz Bad Waltersdorf listet im Restaurant eine Tafel die jeweiligen Klubmeister auf. Der Gewinner von 2018 heisst Kurt Goger.

«Blick» Versus «Weltwoche»

Baurs Kampagne

Der Fall Kurt Goger ist auch eine Mediengeschichte: Am 26.  Februar 2015 berichtete der damalige «Blick»-Journalist Philipp Albrecht aufgrund eigener Recherchen über das Lohndumping beim Gipserunternehmen. In der «Weltwoche» nahm sich Alex Baur der Sache an. Er sprach von «Rotjacken-Terror» und warf der Gewerkschaft Unia, den Zürcher Gipserbetrieben und dem «Blick» eine gemeinsame Diffamierungskampagne vor.

Selbst folgte Baur in seinen Texten der Lesart der Goger-Swiss AG und ihren Anwälten. Im Strafverfahren hat sich die ursprüngliche Recherche von Albrecht, der heute für die «Republik» arbeitet, mehr als bestätigt. Der Vorwurf des Kampagnenjournalismus fällt so auf Alex Baur zurück.

Goger verklagte Ringier im Verlauf der Auseinandersetzung wegen unlauteren Wettbewerbs, Verleumdung und übler Nachrede und forderte Wiedergutmachung. Ringier willigte in einen Vergleich ein, um ein teures Vefahren zu vermeiden. Laut den involvierten Parteien soll der Medienkonzern dafür rund 300 000 Franken bezahlt haben. Mehrere Artikel zum Fall wurden zudem aus der Mediendatenbank SMD gelöscht. Wie Akten aus dem Strafverfahren belegen, hat Goger selbst aus dieser Klage noch ein Geschäft gemacht: Die Goger-Swiss AG trat ihren möglichen Prozesserfolg an Lieferanten ab, um bei diesen Schulden zu begleichen.

Ringier selbst bereut heute offenbar den Vergleich. Der Konzern soll sich als Partei ins Strafverfahren gegen Goger eingeschaltet haben und könnte dort auf Prozessbetrug klagen. Ob man wieder Teil des Verfahrens ist, beantwortet Ringier auf Anfrage ungewollt gleich selbst: «Bitte haben Sie Verständnis, dass wir zu hängigen juristischen Verfahren keine Stellung nehmen.»

Kaspar Surber

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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