Nr. 19/2019 vom 09.05.2019

Geschlecht als Summe von Hormonen?

Der Leistungssport ist eine paradoxe Angelegenheit: Man will den Ausnahmekörper und gleichzeitig den Wettbewerb unter Gleichen.

Von Andrea Roedig

Der Begriff «Frau» ist auch eine rhetorische Finte: Caster Semenya vor ihrem Sieg im 800-Meter-Lauf beim Auftakt der Diamond-League-Serie in Doha, 2019. Foto: François Nel, Getty

Aus manchen Dilemmata kommt man nicht heraus, ohne ein ganzes System zu sprengen. Das Urteil, das der Internationale Sportgerichtshof (CAS) vergangene Woche zu Caster Semenya fällte, ist ein eigenartig klingendes Gewackel: Ja, die Begrenzung der zulässigen Testosteronwerte für Läuferinnen durch den Leichtathletikverband IAAF sei diskriminierend, aber «ein notwendiges, angemessenes und verhältnismässiges Mittel», um die «Integrität» des Verbands zu schützen. Bis neue wissenschaftliche Erkenntnisse auf dem Tisch liegen, gilt nun die vom IAAF festgesetzte Testosteronkonzentration von höchstens fünf Nanomol pro Liter Blut (der Durchschnittswert bei Frauen beträgt zwei Nanomol). Will Semenya bei den Frauen antreten, muss sie ihre Werte senken.

Über Intersex im Sport nachzudenken, ist kompliziert, denn hier überlagern sich drei Problemfelder: die Frage nach Geschlecht und was das sei, der Zusammenhang von Natürlichkeit und Leistung im Sport und die gesellschaftliche Abwägung über Diskriminierung und Gerechtigkeit. Bezüglich des ersten Punktes, Geschlecht, hat sich seit 2009, als Caster Semenya in Berlin so spektakulär gewann, einiges getan. Die Öffentlichkeit hat sich mehr oder weniger an die Existenz von Intersexualität gewöhnt, an Athletinnen mit DSD (Differences of Sex Developement) und daran, Geschlecht nicht nur binär zu denken.

Die «Frauen»-Rhetorik nervt

Auch wenn klar ist, dass die Grenzen zwischen männlich und weiblich fliessend sind: Für viele Sportarten ist die physiologische Unterscheidung nach Geschlecht aus Wettbewerbsgründen sinnvoll. Dass der IAAF jetzt die Leistungsklassen an den Testosteronwerten festmacht, also indirekt das Geschlecht übers Hormon bestimmt, wird von einigen kritisiert, scheint aber gegenwärtig die gangbarste und auch eine einleuchtende Lösung zu sein. Nachweislich steigert Testosteron die Leistungsfähigkeit, auch wenn umstritten ist, in welchem Mass.

«Wäre es leichter für euch, wenn ich nicht so schnell wäre?», fragt Semenya in einem sehr emotional gehaltenen Nike-Werbespot. Ihre Bewegungen laufen in Zeitlupe rückwärts und sind mit ruhigen Klaviertönen unterlegt. «Wäre es leichter, wenn ich aufhörte zu gewinnen? Würdet ihr es besser finden, wenn ich nicht so hart gearbeitet hätte oder gar nicht erst angefangen hätte zu laufen?» Das Video gehört zu einer Reihe von Motivationsspots unter dem Label «Dream Crazy». Nichts ist falsch daran, ausser dass es von Nike ist. Semenya will laufen, als Frau, just do it.

Zu Recht verwahrt sie sich dagegen, ihre Weiblichkeit immer wieder unter Beweis stellen zu müssen. Aber der Begriff «Frau» ist eben auch eine rhetorische Finte. Er vermischt, was getrennt werden müsste: Ja, Semenya ist eine Frau hinsichtlich des sozialen, des gefühlten, gewollten, behaupteten Geschlechts – nein, sie ist es eben nicht ganz in Hinsicht auf das, was die physiologische Ausstattung der überwiegenden Mehrheit der Frauen ausmacht. Die «Frauen»-Rhetorik ist verständlich, erzwungen von einem System, in dem Semenya anders nicht starten kann, aber sie nervt auch. Wenn das Gebot, nicht zu diskriminieren, dazu führt, aufs logisch-begriffliche Unterscheiden (also aufs «Diskriminieren») zu verzichten, machen wir uns zu Idioten.

Die Mehrheit diskriminieren?

Ein beliebtes Argument pro Semenya lautet, dass wir ja auch Usain Bolt als Ausnahmeathleten bewundern. Warum also nicht die Hyperandrogynie als eine Begnadung sehen? Es wäre eine Entscheidung, die Welt umzukehren, eine «disability» in ein «special gift» zu verwandeln, nicht – wie üblich – die Minderheit zu diskriminieren, sondern die Mehrheit. So ähnlich war es, als ab 2015 die Testosteronregel aufgrund einer Klage ausgesetzt war. Semenya wurde wieder schneller, holte Gold bei den Weltmeisterschaften in London, stand bei den Olympischen Sommerspielen in Rio auf dem Podest, zusammen mit den angeblich ebenfalls intersexuellen Läuferinnen Francine Niyonsaba und Margaret Nyairera Wambui.

Der Leistungssport ist eine paradoxe Angelegenheit zwischen Überschreitung und Regel; er will den Ausnahmekörper, aber gleichzeitig den Wettbewerb als Kräftemessen unter Gleichen. Wo der Rest des Feldes zu blossen StatistInnen für den Sieg der ewig Stärksten mutiert, wird der Kampf langweilig und sinnlos. Solange man nicht andere Leistungsklassen findet oder aus der Wettkampflogik selbst aussteigt, ist das «Semenya-Dilemma» nicht zu lösen: Der Anspruch auf vergleichbare Voraussetzungen im Frauensport steht gegen den ebenfalls berechtigten Anspruch der DSD, ihre Körper nicht beschneiden zu müssen. Wem ist wie viel an Einschränkung zuzumuten? Sie werde ihre Hormonwerte nicht verändern, sagt Semenya, und das ist verständlich.

Der Sportgerichtshof hat in seinem Urteil einen Ausweg angeboten. Der Wettbewerbsvorteil eines erhöhten Testosteronspiegels sei erwiesen für die Kurz- und Mittelstrecken, wobei er für 1500 Meter und eine Meile empfiehlt, die Testosteronregel nicht anzuwenden. Vielleicht liegt in der Mittelstrecke Semenyas ganzes Talent; vielleicht aber auch nicht. Sie könnte, sie müsste auf längere Wettkampfdistanzen gehen. Dream crazy – da möchte man sie dann siegen sehen.

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