Nr. 19/2019 vom 09.05.2019

Ein «Leuchtturm» für die Burger

Dass im Berner Kirchenfeldquartier auf kleinstem Raum zahlreiche Museen stehen, ist kein Zufall. Und dass die Burgergemeinde die treibende Kraft hinter dem geplanten Museumsquartier ist, ist die logische Fortsetzung einer alten Tradition.

Von Silvia Süess

«Kein Proletarier-Quartier», dafür viel Grün für Reiche: Blick vom Hotel Bellevue auf Kirchenfeldbrücke und Historisches Museum, 1890er Jahre. Foto: Library of Congress

Es hätte eigentlich das Schweizer Nationalmuseum werden sollen: das heutige Bernische Historische Museum. Der theatralische Bau mit seinen kitschigen Türmchen ragt stadtauswärts in der Verlängerung der Kirchenfeldbrücke unübersehbar aus dem Kirchenfeldquartier heraus. Doch zur Schmach der BernerInnen verlor ihre Stadt damals den Wettbewerb gegen Zürich, dem 1891 die Ehre zufiel, die Deutungshoheit über die Schweizer Geschichtserzählung zu erhalten. Trotzig wurde der geplante Museumsbau dennoch realisiert, statt Schweizer sollte hier nun halt Berner Geschichte erzählt werden.

An diesem «Tempel der Berner Geschichte» wirkte von Anfang an die Burgergemeinde mit – gerade finanziell. Die Burgergemeinde ist ein Überbleibsel des Ancien Régime, als wenige patrizische Burgerfamilien über Bern herrschten. Als dies durch die Helvetik gebrochen wurde und der Kanton Bern entstand, wurden die Einwohnergemeinde sowie die Burgergemeinde gegründet und das Vermögen des alten Stadtstaates aufgeteilt: Ein Teil ging an den Kanton, der Rest wurde zwischen Einwohner- und Burgergemeinde aufgeteilt. Die Burgergemeinde ist die reichste Korporation des Landes, ein Staat im Staat, dessen Mitglieder bestimmte Privilegien geniessen und dessen Netzwerke in Bern mitbestimmend geblieben sind. Seit ihrer Gründung spielt die Burgergemeinde eine wichtige Rolle als Mäzenin und in der Kulturförderung der Stadt. Bis heute gehören ihr rund ein Drittel des Bodens in der Stadt sowie zahlreiche Immobilien. Als grösste Grundeigentümerin prägt sie das Stadtbild noch immer stark, wie sich das am Kirchenfeldquartier schön aufzeigen lässt.

An einer Sitzung 1889 anlässlich der Planungen für das Historische Museum wurde befunden, diese Angelegenheit sei von solcher Tragweite und Wichtigkeit, dass die Burgergemeinde, die so bedeutende Opfer für das Museum bringe, sich unbedingt die Mitsprache beim Bauplan und die Mitentscheidung bei der definitiven Genehmigung ausbedingen müsse.

Bitte kein Gewerbe!

Noch heute bildet das Historische Museum den markanten Eintritt von der Altstadt ins Kirchenfeldquartier. Es weist den Weg in das Ende 19.  Jahrhundert erbaute und mit einer hohen Stahlbrücke erschlossene Quartier. Damals wuchs die Stadtbevölkerung rasant, und die Stadt musste ihre Wohnfläche über die Aare hinaus erweitern. Die unbebauten Äcker auf dem Kirchenfeldareal gehörten der Berner Burgergemeinde. Ende des 19.  Jahrhunderts verkaufte sie das Land an die englische Baufirma Berne-Land-Company, verpflichtete die Bauherrin allerdings vertraglich zum Bau von einer «mehr ländlichen Anlage», in der das Grün eine bestimmende Rolle erhalten sollte. Kein «Proletarier-Quartier» sollte entstehen, sondern ein «Quartier ohne Gewerbe oder Mietkasernen» für ein wohlhabendes Bürgertum. Zudem verpflichtete sich die Baufirma, unentgeltlich Land für öffentliche Bauten abzutreten.

Es ist also kein Zufall, dass es im Kirchenfeld auf relativ engem Raum neben grossen Villen, stattlichen Wohnhäusern und Botschaften auch eine grosse Anzahl Museen und anderer kulturelle Institutionen gibt: Auf einer Fläche von gut zehn Fussballfeldern finden sich elf kulturelle Institutionen, die jährlich von rund einer halben Million Interessierter besucht werden. Hier steht etwa die Kunsthalle gegenüber dem Alpinen Museum der Schweiz, das Historische Museum neben dem Schweizer Schützenmuseum, das Museum für Kommunikation hinter dem Naturhistorischen Museum und neben der Nationalbibliothek.

Nun soll ein neuer «Leuchtturm» (ein Lieblingswort von Architekten und Kulturmanagerinnen) entstehen, der, anders als das Historische Museum, nun endlich auch internationale Ausstrahlung haben soll: ein «Museumsquartier» nach dem Vorbild von Wien oder Berlin. Letzte Woche haben die Stadt, der Kanton und die Burgergemeinde eine Machbarkeitsstudie vorgestellt, die aufzeigt, wie aus dieser Ansammlung verschiedener Institutionen ein «ganzheitliches konzipiertes Museumsquartier Bern entwickelt werden kann» (vgl. «Vorbild Wien» im Anschluss an diesen Text).

Die Museen sollen raumplanerisch, strukturell und teilweise auch inhaltlich so miteinander verbunden werden, dass die BesucherInnen «die verschiedenen Institutionen als Einheit erleben können». Davon ist das zukünftige Museumsquartier zurzeit noch weit entfernt. Heute arbeitet jedes Haus unabhängig von seinem Nachbarn, steht räumlich für sich isoliert da – selbst wenn die Hinterhöfe miteinander verbunden sind, gibt es keine offiziellen Verbindungswege –, konzipiert seine Ausstellungen selbstständig, benutzt ein eigenes Logo, betreibt ein eigenes Café und wartet die eigenen Archivbestände.

Dass hier vernetzter gedacht und gearbeitet werden sollte, drängt sich auf und entspricht auch einem internationalen Trend in der Museumslandschaft. Anders jedoch als in bereits bestehenden Museumsquartieren, die sich vor allem aus Kunstmuseen zusammensetzen, gibt es im zukünftigen Berner Museumsquartier mit Ausnahme der Kunsthalle keine Häuser, deren Kerngebiet die Kunst ist. Hier stehen Museen, die sich mit historischen und kulturhistorischen Phänomenen auseinandersetzen. Die grösste Herausforderung bei der Umsetzung wird deshalb darin bestehen, diese völlig unterschiedlich finanzierten und anders funktionierenden Häuser, die auch in ihrer Ausstrahlung und BesucherInnenzahl stark variieren, unter ein Dach zu bringen.

Das Schützenmuseum zum Beispiel wird vom Schweizer Schiesssportverband finanziert, zu sehen ist eine völlig veraltete Ausstellung, die Waffen und Pokale aneinanderreiht. Ganz anders das Alpine Museum, das von Bund, Kanton und dem Schweizer Alpen-Club finanziert wird, oder das von Post und Swisscom getragene Museum für Kommunikation: Sie überzeugen mit innovativen Ausstellungen und gewinnen internationale Preise. Und während 2017 die als Verein organisierte Kunsthalle 10 000 BesucherInnen hatte, zählte das Naturhistorische Museum letztes Jahr rund 130 000 und das Historische Museum 110 000 Gäste.

Damit sind die beiden Häuser die besucherInnenstärksten im Quartier. Bei beiden ist die Burgergemeinde beteiligt: Das Historische Museum wird zu einem Drittel von der Burgergemeinde finanziert, das Naturhistorische Museum ist vollständig in deren Besitz und wird von ihr alleine betrieben.

Dass die Burgergemeinde die Machbarkeitsstudie finanziert hat und somit die treibende Kraft hinter dem Museumsquartier ist, erstaunt nicht: Einerseits profitieren die eigenen Museen von diesem Projekt, andererseits behalten die Burger durch ihre Mitarbeit und Mitfinanzierung die Hoheit über die weitere Entwicklung dieses Quartiers, das von ihnen konzipiert, gebaut und über die letzten hundert Jahre mitgestaltet wurde.

Glücksfall für den Stapi

«Die Studie entwirft mit dem ‹Museumsquartier Bern› ein Kulturprojekt von gesamtschweizerischer Bedeutung», schreibt Christophe von Werdt, Vorsitzender der Steuergruppe und Vertreter der Burgergemeinde Bern, im Vorwort der Machbarkeitsstudie. Bern meldet sich also zurück als wichtiger Player im nationalen Museumswettbewerb. Von einem «Glücksfall» sprach Stadtpräsident Alec von Graffenried, selber auch Bernburger. Vielleicht wird das «Museumsquartier Bern» ja auch zum Glücksfall für ihn: Der seit seiner Wahl 2017 kaum in Erscheinung getretene Stapi kann sich mit diesem Projekt bestenfalls ein Denkmal setzen.

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