Nr. 19/2019 vom 09.05.2019

Der Oktopus als Botschafter

Der Basler Zoo plant ein gigantisches «Ozeanium» und will damit die Umwelt schützen. Doch der Widerstand gegen das Projekt ist gross – und der Zolli gerät in Erklärungsnot.

Von Benjamin von Wyl

Der Pazifische Riesenkrake gilt als sehr intelligent und ist als notorischer Aquariumsausbrecher bekannt. Foto: Andrey Nekrasov, Alamy

«Wir befinden uns im sechsten Massenaussterben der Weltgeschichte», ruft Raffaela Hanauer von einer Bordsteinkante aus den etwa hundert Klima- und TierrechtsaktivistInnen auf der Heuwaage in Basel zu. «Wir müssen die Meere schützen, weil sie unsere Lebensgrundlage sind – nicht weil sie faszinieren.» Doch geht es nach dem Zoo Basel, werden in fünf Jahren wenige Meter von dieser Klimastreikaktion entfernt vier Millionen Liter Salzwasser durch vierzig Aquarien gepumpt. Im geplanten «Ozeanium» sollen mehr Tiere leben als im ganzen Zolli: Haie, Rochen, Riesenkraken. 500 000 BesucherInnen will das erste grosse Schweizer Meeresaquarium jedes Jahr anlocken.

Im Grossen Rat war eine klare Mehrheit dafür, dem Zoo Basel das Heuwaage-Areal zum Spottpreis von fünfzig Franken jährlich zu überlassen. Zoodirektor Olivier Pagan gab sich damals siegesgewiss: Man werde auch die Bevölkerung überzeugen. Bisher hat der Zoo, den auch seine KritikerInnen beim Kosenamen Zolli nennen, immer bekommen, was er wollte. Doch zwei Wochen vor der Abstimmung ist Pagan vorsichtiger. Er spüre viel Rückhalt, aber an einer Prognose seien «schon Leute gescheitert, die mehr von Politik verstehen als ich». Pagan ist in der Defensive. Die Ozeanium-GegnerInnen werfen dem Zolli ausbleibende und falsche Informationen vor. Dass mit Umweltschutz für das Grossprojekt geworben wird, befeuert die Kritik noch.

Gespaltene Wissenschaft

Tausende Meereslebewesen sollen ins Ozeanium nach Basel gebracht oder hier gezüchtet werden, damit sie BesucherInnen durch eine Scheibe bestaunen können. Dieser Eingriff ins Ökosystem sei legitim, weil er ein Umdenken bewirke, sagen die BefürworterInnen. «Das Hauptziel des Ozeaniums ist, das Bewusstsein für die Ozeane zu wecken», schreibt der Regierungsrat im Abstimmungsbüchlein.

Die GLP und Teile der SP engagieren sich für das Grossprojekt. BastA!, Grüne, zahlreiche Umwelt- und Tierschutzorganisationen bekämpfen es. Klimaaktivistin Raffaela Hanauer hält das Umweltargument für vorgeschoben. «Unser Verständnis von Umweltschutz ist ein anderes», sagt sie. Artenschutz sei mehr als das Ausstellen von bedrohten Tieren. Auf der Klimademo ruft sie in die Menge: «Dieser Zolli ist nicht mein Zolli! Mein Zolli würde der Politik mal Fakten zum Massenaussterben um die Ohren hauen. Was ist euer Zolli?» – «Kein Zolli!», antwortet einer.

SP-Grossrätin Toya Krummenacher fühlt sich durch den Zwischenruf bestätigt. «Viele Ozeanium-Gegner stellen den Zoo als solchen infrage», sagt sie. Für eine «solch radikale Position» habe sie zwar Verständnis, aber dann müsse man auch zu ihr stehen.

Auch Krummenacher sieht sich als Teil der Klimabewegung, lehnt Tierhaltung im Zirkus ab und hat «noch nie ein kommerzielles Aquarium besucht». An der Klimastreikaktion wird Krummenacher trotzdem schmunzelnd mit «Du bist hier falsch» begrüsst. Krummenacher setzt sich für ein Ja zum Ozeanium ein. Der Zoo sei eine hochprofessionelle Forschungs- und Bildungsinstitution, findet die Biologin, die für ihr Studium auch Kurse im Zolli besucht hat. Und der Zoo könne tatsächlich politisieren. «Er sensibilisiert Menschen für unsere Umwelt, die der Klimastreik nicht erreicht.»

Fachpersonen engagieren sich auf beiden Seiten des Abstimmungskampfs: Ethikerinnen, Pädagogen, Biologinnen. Sie streiten nicht nur über den pädagogischen Effekt von Zoos – sondern auch über das Tierwohl, das Schmerzempfinden von Fischen oder das Korallensterben. Ein Hauptthema ist der Zierfischhandel. Die GegnerInnen kritisieren die brutalen Fangmethoden, die Folgen für das Ökosystem und vor allem auch die hohe Sterberate beim Transport. Sie verweisen etwa auf eine Untersuchung des Umweltprogramms der Uno (Unep) von 2003, die diese Probleme benennt, aber keine genauen Zahlen liefert. Die GegnerInnen schliessen aus dieser und weiteren Studien, dass bis zu achtzig Prozent der Tiere beim Transport sterben.

Biologin Monica Biondo, die das Ozeanium bekämpft, findet aber: «Es kommt nicht darauf an, ob die Sterberate bei zehn, zwanzig oder bis zu achtzig Prozent liegt. Würde es sich um Säugetiere statt um Fische oder Wirbellose handeln, gäbe es bei jedem toten Tier einen grossen Aufschrei.» Die Ozeanium-BefürworterInnen zitieren aus dem gleichen Papier. Denn darin steht auch, dass die Sterberate bei «adäquat ausgebildetem Personal» bloss wenige Prozent betrage. Der Zolli sagt, er kenne alle seine Händler. Gegenüber der WOZ nennt er vertraulich Partnerfirmen, die von internationalen Zooverbänden zertifiziert sind und sich ihrer Nachhaltigkeit rühmen. Ein Beleg dafür, dass der Zolli den Weg eines Tieres vom Meer ins Aquarium kennt, ist das nicht.

Biondo hält das ohnehin für unmöglich: Wegen der vielen Zwischenhändler könne der Zoo gar nicht wissen, woher seine Korallenfische aus Wildfang stammten, sagt sie. Tatsächlich ist der globale Zierfischmarkt intransparent. Nur bei drei Arten wird die Anzahl gehandelter Tiere überhaupt statistisch erhoben. Dessen ist sich auch der Bundesrat bewusst. «Transparenz über die Herkunft und die Fangmethoden angebotener Zierfische im Handel wäre wünschenswert.» Die Kenntnisse über Handel und Fangmethoden seien jedoch «weltweit noch sehr lückenhaft», beantwortete er vor ein paar Wochen eine Interpellation. Die Ozeanium-GegnerInnen nutzten diese bundesrätliche Antwort zur Kritik am Zolli. Dabei wurde der Bundesrat nicht explizit zu Fang und Import von Fischen durch Zoos befragt.

Der Abstimmungskampf über das Ozeanium ist ein Kampf um harte Fakten zu Tierwohl und Artenschutz. Beide Seiten argumentieren selektiv, aber der Zolli wirkt weniger souverän. Dabei hätte er zur Vorbereitung Zeit genug gehabt: Bereits 2010 forderte die Meeresschutzorganisation Ocean Care die Veröffentlichung aller Arten, die dereinst im Ozeanium gehalten werden sollen. Neun Jahre später verfügt der Zoo noch immer nicht über eine Artenliste. Seine Gründe dafür machte er erst publik, nachdem die «Basler Zeitung» («BaZ») Auszüge aus einer vorläufigen Liste veröffentlicht hatte. Er argumentiert, das Wissen um die Zuchtfähigkeit einer Art sowie um ihre Gefährdung ändere sich ständig.

Darf man Oktopoden einsperren?

Dank der «BaZ»-Veröffentlichung wurde auch bekannt, dass der Zolli im Ozeanium den Pazifischen Riesenkraken züchten will. Die Kraken gelten als sehr intelligent. Ist es vertretbar, diese Tiere einzusperren? Für die linke Ozeanium-Befürworterin Krummenacher ist es das. «Mir ist lieber, sie leben wild», sagt sie, «aber der Oktopus im Ozeanium repräsentiert seinen bedrohten Lebensraum als Botschafter. Ich bin überzeugt, dass er diesen spürbarer macht als ein Dokfilm.» Vertrauen in die Fach- und Vermittlungskompetenz des Zolli sei ohnehin fundamental. Das gelte auch, wenn der Zolli darauf bestehe zu wissen, unter welchen Umständen die Tiere gefangen wurden. «Ich habe bei den Verantwortlichen studiert, ich habe mit ihnen geredet, ich vertraue ihnen, weil ich weiss, dass sie kompetent und verantwortungsbewusst sind», sagt Krummenacher. «Die Grundlage ist das Vertrauen in den Zoo als Institution und in die Kontrollbehörden auf Kantons- und Bundesebene.» Sie hat recht: Ob Tierwohl, Artenschutz oder Sensibilisierungswirkung – bei all diesen Fragen geht es darum, ob man dem Zolli vertraut. Wer den Zolli aber höchstens als BesucherIn kennt, hat in diesem Abstimmungskampf eher Vertrauen verloren. Und selbst wer ihm vertraut, kann sich fragen, ob dieses Vertrauen Grund genug ist, dem Zoo das Heuwaage-Areal fast zu schenken.

Der Basler Zoo musste sich in den 145 Jahren seines Bestehens (zumindest soweit erforscht) noch nie einer Volksabstimmung stellen – und erfand sich trotzdem immer wieder neu. Bis 1935 stellte er in Völkerschauen «Nubier, Marrokaner oder Singhalesen» aus. Dieses Zookonzept ist zum Glück überwunden; auch Eisbären hält der Zolli schon lange nicht mehr. Die Ozeanium-Abstimmung stösst jetzt vielleicht die erste Veränderung von aussen an: hin zu einem Zoo, der sich gegen das Massenaussterben stellt.

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