Nr. 17/2019 vom 25.04.2019

Superstars, drinnen wie draussen

Walter Stürm und Hugo Portmann versetzten einst die ganze Schweiz in Aufregung. Gentlemengauner oder Grosskriminelle? Eine Bilanz in drei Teilen. Erster Teil: Wie zwei Typen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen in den achtziger Jahren zusammentreffen und zu Stars aufsteigen.

Von Margrit Sprecher (Text) und Alexander Elsaesser, opak (Illustration)

4.  Januar 1984, Arbeitspause im Gefängnis Regensdorf. Der Hof füllt sich mit Häftlingen; Zigarettenrauch und Atemwolken steigen in den grauen Himmel. Die Stimmung ist, wie immer nach Feiertagen, explosiv. Plötzlich schwirren erregte Stimmen durch den Hof, an der Mauer lehnt eine Leiter, zwei Männer erklimmen sie. Die Aufseher spurten heran, wollen hinterher. Doch ein Häftling ist schneller: Er packt die Leiter, rennt mit ihr über den Hof. Als die Wärter ihn endlich fassen, sind die Ausbrecher in ihrem Fluchtauto längst über alle Berge. Als Dank für das Ablenkungsmanöver schickt der 42-jährige Walter Stürm, einer der beiden Getürmten, dem 24-jährigen Nachwuchstalent Hugo Portmann eine Säge ins Gefängnis.

Der neuste Coup der beiden berühmtesten Bankräuber der Schweiz festigt ihr Renommee. Stürm wie Portmann sind Superstars, drinnen wie draussen. Niemand macht grössere Beute, niemand bleibt so cool dabei. «Geld ist Geld», beruhigte Portmann den Bankangestellten, der bedauerte, nur Fremdwährungen vorrätig zu haben.

Im Bargeldparadies

Natürlich haben sie auch Glück. In den achtziger Jahren werden die Löhne noch bar ausbezahlt, und wer eine Bank knackt, macht so sicher Beute wie ein Wilderer im Tierpark. «Es war paradiesisch», schwärmte Stürm später. Portmann überfällt 1983 innerhalb von drei Wochen drei Banken. In Dietikon erbeutet er 100 000, in Wallisellen 120 000 Franken, worauf er es gleichentags bei einer weiteren Bank in Schwamendingen versucht.

Kriminelle solchen Kalibers werden auch vom Gefängnispersonal geschätzt: schwere, hartgesottene Jungs statt der üblichen Klientel aus Drogendealern, «Psychopathen» und Kriminaltouristen. Dazu erst noch Schweizer und ausgesprochen höflich. Weder spucken sie auf den Boden, noch verweigern sie die Arbeit oder werfen in der Kantine mit dem «Frass» um sich. «Ein Gentleman, der immer aufgestanden ist, um seinen Kübel zu leeren, wenn auch oft mit grosser Mühe», beschreibt ein Wärter Stürm. «Ein Langzeitgefangener, wie es sie kaum mehr gibt», lobt ein Gefängnisdirektor Portmann. Zuverlässig und diszipliniert. Respektiert stets die Regeln. Ja, bevorzugt den strengen Vollzug. «Hotels mit Sozialbetreuung» sind nicht Portmanns Fall: «Dort fühlen sich nur Kriecher, Denunzianten und Geisteskranke wohl.»

Die Höflichkeit hat unterschiedliche Wurzeln. Portmann erwartet vom Vorgesetzten die gleiche militärische Korrektheit, die er ihm entgegenbringt. Stürm gibt sich höflich, weil er sich dem Gefängnispersonal überlegen fühlt: Ein Gentleman lässt Dienstboten ihre Stellung nicht fühlen. Die Denkweise, dass auch Wärter Opfer des repressiven Staats seien, legt er sich erst später zu, seiner linken Fans wegen.

Diese feiern Stürm als Helden. Ein Mann, der es dem autoritären Staat zeigt. Und das schon als Halbwüchsiger: Bei seiner ersten Vorladung schliesst er den Polizisten im eigenen Büro ein. Später lacht die ganze Schweiz, als er vor Ostern einen Zettel in der Zelle zurücklässt: «Bin Eier suchen gegangen.» Zur Taschenspielereleganz, mit der er die dummen Häscher übertölpelt, kommt seine Handwerkergeschicklichkeit. Seine Hände knacken nicht nur jeden Tresor, sie bauen auch einen Bugatti originalgetreu nach. Und er hat Stil. Den linken Blättern schickt er elegante, ironische Texte. Die Frauen entzückt er mit gigantischen Rosensträussen. Und seinem Anwalt Bernard Rambert schenkt er eine Ledermappe, weil dessen Plastiktüten sein Schönheitsempfinden stören.

Umso weniger können seine Fans verstehen, dass der wundersam begabte «Walti» mit einem Portmann zusammenspannt. Denn mit diesem kann niemand renommieren. Sein Schädel ist kahl rasiert, sein Profil scharf – so sehen Bösewichte im Film aus. Dazu kommt der unverstellte Blick eines Menschen, der schon alles erlebt hat und deshalb vor nichts mehr zurückschreckt. Seine Briefe strotzen von Orthografiefehlern, seine Gewalttätigkeit ist aktenkundig. Bald streckt er einen Mithäftling mit einem Faustschlag nieder, bald ritzt er mit einem Messer einem Sexualmörder «e chli den Hals». Ein psychologisches Gutachten bezeichnet ihn als «gemütsarme, schwerst intelligenzverwahrloste Persönlichkeit», die mal den «abgebrühten Fremdenlegionär», mal den «professionellen Bankräuber spielt».

Liest man Portmanns Lebenslauf, wundert das Ergebnis nicht. Er kommt 1959 mit 1,1 Kilo Lebendgewicht auf die Welt, die Mutter ist alkoholkrank, der Vater unbekannt. Er wird von Heim zu Heim geschoben und von den Erziehungsberechtigten als «ungehorsam, eigenwillig, zerstörerisch und debil» beschrieben. Um jede Verantwortung für diese Entwicklung abzublocken, erklären sie sein Verhalten mit einer «hirnorganischen Störung» und stellen ihn mit Valium ruhig. Dass ihn seine Mutter oft grün und blau schlägt, kann er verstehen. «Wer will schon einen Depp in der Familie.» Fühlt er sich mal wieder wie ein «ausgenutzter Trottel», sorgt er selbst für ausgleichende Gerechtigkeit. Nur drei Stunden frei pro Woche im Reitstall? Also haut er ab. Keine Bezahlung als Rausschmeisser im Nachtclub? Also nimmt er gleich die ganze Kasse mit.

Walter Stürms Jugend in Rorschach dagegen durchforstet man vergeblich nach mildernden Umständen. Die Familie ist grundsolid, die Mutter liebt ihn von Herzen, wenn auch zunehmend mit Schmerzen. Schon mit elf fährt er den fabrikneuen Mercedes seines Vaters zu Schrott. Mit fünfzehn veranstaltet er einen schwungvollen «Fabrikverkauf» mit «Abfällen» aus der väterlichen Parkettfabrik. Dass die Stürms Geld haben, wird gut ostschweizerisch nicht gezeigt. «Gab es Bratwürste, mussten sich die fünf Kinder eine einzige teilen», erinnert sich Filmemacher Hans Stürm, ein Cousin Walter Stürms.

«Walti» schliesst mit Ach und Krach eine Karosseriespenglerlehre ab. Doch Spengler will er keinesfalls bleiben. Schon mit zwanzig findet er Anschluss an eine internationale Autoschieberbande. Kurz darauf ist er Besitzer eines 220 000 Franken teuren Formel-1-Lotus.

Nur kein Blutvergiessen!

Portmanns erster Wunschwagen ist prosaischer: ein ausrangierter Bus der Zürcher Verkehrsbetriebe, den er zum Wohnmobil umbauen will. Der angeforderte Kredit wird an seine Arbeitsstelle geschickt, doch nach Rücksprache mit seinem Vormund vom Buchhalter zurückgehalten. Worauf Portmann in der Mittagspause mit dem Gabelstapler ins Büro donnert, den Tresor auf die Ladefläche schaufelt und mit einer Gasflasche sprengt.

Seither spielen Autos für Portmann nur noch als Fluchtmittel eine Rolle. Für Stürm bleiben sie Ziel und Zweck seines Lebens. Mal fährt er einen Alfa, mal einen Lamborghini, am häufigsten Porsche, BMW und Mercedes. Diese Vorliebe hat auch berufliche Gründe: Seine Autos sind schneller als die Familienkutschen der Polizei. Später bleibt er seiner Rückenschmerzen wegen bei Überfällen lieber im Auto und hört den Polizeifunk ab. Den schweisstreibenden Teil des Jobs erledigen die Komplizen.

Zeugen, die Stürm im Auto Schmiere sitzen sehen, geben verwirrende Signalements ab. Der eine spricht von einer Frau mit langen blonden Haaren, der andere von einem Mann mit riesigem Schnauz. Dabei, so sagt später ein Komplize aus, trug der Boss an jenem Tag eine schwarze Perücke. Selbst Stürms Gefährtinnen erkennen ihn nicht immer. «Einmal», erzählte Stürm in einem Interview, «schaute ich bei meiner Freundin ‹Aktenzeichen XY›. Plötzlich rief sie: ‹Guck mal, ein Schweizer!› Ich guckte und sah mich auf dem Bildschirm.»

Portmann dagegen bleibt immer sich selbst. Nicht mal eine Maske trägt er bei der Arbeit. Die Leute sollen ruhig sehen, dass sie von Hugo Portmann, bekannt aus Film, Funk und Fernsehen, ausgeraubt werden. Das sorgt für den nötigen Respekt und beschleunigt die Arbeit. Weder hat er Komplizen, noch ist er Waffenfan wie Stürm, der in der ganzen Schweiz Waffenlager anlegt.

Blutvergiessen möchte Portmann vermeiden. Auf einer wilden Verfolgungsjagd dreht er sich um, geht in Combatstellung und schiesst links und rechts am Polizisten vorbei. «Um ihn psychologisch kampfunfähig zu machen», erklärt er später vor Gericht. Tatsächlich wird er von versuchter Tötung freigesprochen. Begründung: «Es wäre für den kriegserfahrenen Ex-Fremdenlegionär leicht gewesen, den Polizisten zu treffen.»

Als ebenso unangenehm wie Blut empfindet er Kinder am Tatort. Als vor ihm eine Frau mit zwei Mädchen die Bank betritt, macht er rechtsumkehrt und raubt die UBS-Filiale gegenüber aus. So wie ein Kunde halt zur Migros geht, wenn ihm die Schlange vor der Coop-Kasse zu lang ist. Die Anwesenheit von Kindern beim letzten gemeinsamen Überfall löst den bisher heftigsten Streit zwischen Portmann und Stürm aus: «Du weisst», hadert Portmann, «dass ich nicht mitmache, wenn Kinder beteiligt sind.»

Auch Stürm meint es mit seiner Waffe nicht böse. Sie dient, beruhigt er die sensibleren Gemüter unter seinen Fans, nur für Schreckschüsse, «wenn ich über die Mauer will und mir einer nachrennt». Tatsächlich wird er bei Überfällen nie mit einer Waffe gesehen. «Dazu ist er zu intelligent», vermutet die NZZ. Er lässt lieber andere schiessen.

Ein Hauch Sozialromantik

Bald werden Stürm und Portmann als Gentlemenverbrecher gehandelt. In edler Robin-Hood-Gesinnung rauben sie ausschliesslich Reiche aus, nämlich Banken. «Mit Privatpersonen wollte ich nie etwas zu tun haben», beteuert Stürm. «Klingt vielleicht billig, ist es aber nicht.»

Das Gericht, das 1999 im Schloss von Porrentruy tagt, kommt zu anderen Schlüssen. Die Dorfwirte servieren «Stürm-Menus» und «Flucht-Teller», im Gerichtssaal sitzt die linke und die rechte Presse, und je nachdem, was gesagt wird, legt die eine oder andere Fraktion ostentativ den Kugelschreiber nieder. Zwar befinden sich unter den neusten Stürm-Opfern tatsächlich drei Banken mit total über zwei Millionen Franken Schaden. Doch, so schreibt die WOZ-Gerichtsreporterin Marianne Fehr: «Aufgelistet werden des weiteren auch an die zwanzig Einbrüche in Möbel-, Haushaltwaren- und Kleidergeschäfte; die Tatorte sind über die ganze Schweizer Landkarte verteilt – als wären hier, husch, noch ein paar unaufgeklärte Fälle angehängt worden, zur Verbesserung der nationalen Statistik der unaufgeklärten Verbrechen.»

Stürm fördert sein Gentlemanräuber-image nach Kräften. Und nutzt dabei den Unterhaltungsfaktor. Nur schon seine acht Ausbrüche … Einmal spaziert er mit falschem Passierschein aus dem Gefängnis. In Basel landet er nach einem Sprung von der Mauer in einem deckungsarmen Einfamilienhausquartier und sucht Zuflucht in einer Hundehütte. Bereitwillig macht der Hund dem grossen Hundefreund Platz und kläfft die Polizeischäfer an. Um seine linken SympathisantInnen bei Laune zu halten, flicht er hin und wieder Happen sozialistischer Rhetorik in Interviews und Briefe: «Wir brauchen Geld für soziale Belange, für die Büezer, die ein Leben lang gekrampft haben und jetzt mit 1200 Franken AHV auskommen.»

Hugo Portmann lässt sich politisch nicht festmachen. Mit den Linken und ihrer Sozialromantik kann er es nicht. Auch nervt ihn das Getue um den Gentlemangauner. «Wir sind Verbrecher», korrigiert er Stürm immer wieder. Trotzdem spielt er dessen Spiel mit. Ganz Gentlemangauner, beruhigt er bei einem gemeinsamen Überfall eine Frau: «Wir sind keine Albaner. Wir vergewaltigen niemanden. Wir sind Bankräuber alten Stils und wollen nur das Geld.» Es klingt, als sagte er eine Rolle auf.

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