Nr. 17/2019 vom 25.04.2019

Kathedrale des Hybriden

Die klügsten Kommentare zum Brand von Notre-Dame in Paris findet man nicht in den News, sondern bei Victor Hugo. Bleibt zu hoffen, dass sein Bestseller von 1831 jetzt nicht nur im Affekt gekauft, sondern auch in Ruhe gelesen wird.

Von Johannes Binotto

Zeugnis einer blossen Hinzudichtung: Bau des Spitzturms um 1860. Foto: Roger-Viollet, Ullstein

Je reflexartiger Position bezogen werden muss, umso verführerischer sind Polarisierungen. Auch das haben die Reaktionen auf den Brand von Notre-Dame gezeigt. Während die einen ihre Trauer sogleich in Bild und Wort dokumentierten, fragten die anderen, wie es komme, dass eine brennende Kirche stärker beweint werde als das Sterben auf den Flüchtlingsrouten dieser Welt. Und während die einen beim Anblick des einstürzenden Spitzturms beklagten, mit diesem Unglück gehe ein Stück jahrhundertealte Kulturgeschichte unwiederbringlich verloren, wiesen die anderen ganz richtig darauf hin, dass die Kathedrale, so wie wir sie kennen, nicht etwa ein mittelalterliches Artefakt sei, sondern vielmehr eine Rekonstruktion aus dem 19. Jahrhundert – und gerade der Spitzturm gar eine blosse Hinzudichtung des Restaurators Eugène Viollet-le-Duc.

Dass sich diese verschiedenen Positionen indes nicht gegenseitig ausschliessen müssen, vor allem aber, dass die Bedeutung von Notre-Dame um einiges vielschichtiger ist, als es solche Entweder-oder-Dispute zulassen: Das musste man woanders nachlesen.

So fand sich der vielleicht spannendste Kommentar zu Notre-Dame weder in einem TV-Bericht noch als Twitter-Nachricht oder auf Facebook. Man konnte ihn in jenem Buch nachschlagen, das selber massgeblich mitverantwortlich dafür war, dass die berühmte Kirche überhaupt bis in die Gegenwart überlebt hat. Im Zentrum von Victor Hugos Roman «Notre-Dame de Paris» von 1831 steht nämlich, anders als es uns der deutsche Buchtitel oder die Disney-Verfilmung glauben machen, weniger die unglückliche Liebesgeschichte zwischen buckligem Glöckner und hübschem Mädchen als vielmehr die Kirche selbst. Und wenn es denn stimmt, dass Hugos Buch aufgrund des Brandes nun buchstäblich über Nacht noch einmal zu einem Bestseller geworden ist, dann wäre vor allem zu hoffen, dass es nicht nur im Affekt gekauft, sondern auch in Ruhe gelesen wird.

Gar nicht nostalgisch

Besonders das erste Kapitel des dritten Buchs müsste zur allgemeinen Pflichtlektüre werden. Darin beklagt Hugo, in welch desolatem Zustand sich die Kirche zu Anfang des 19. Jahrhunderts befand. Bereits zuvor hatte der architekturaffine Schriftsteller in aggressiven Polemiken angeprangert, dass man in Frankreich die Bauwerke der Vergangenheit mutwillig zerfallen lasse. Doch geht es in seinem Roman offenbar nicht um die Rückkehr in eine klar zu fixierende Vergangenheit. Die Faszination dieser Kirche liegt für Hugo vielmehr darin, wie sich in ihr die unterschiedlichsten Stile, Zeiten und Kulturen treffen: «Notre-Dame de Paris ist nicht das, was man ein vollkommenes, abgeschlossenes und klassisches Monument nennen kann. Sie ist keine eigentlich romanische, sie ist aber auch keine gotische Kirche. Dieses Gebäude ist kein Typus.» Und weiter: «Notre-Dame ist nicht von rein romanischer Herkunft, aber auch nicht von rein arabischer. Sie ist ein Bauwerk des Übergangs.» Das würde man gerne all jenen vorlesen, die den Brand von Notre-Dame nun als Symbolbild für die angebliche Bedrohtheit westlicher Kultur instrumentalisieren wollen, wie auch jenen, die in der Trauer ob der Zerstörung nur Eurozentrismus sehen.

Victor Hugos Text ist deswegen so erhellend, weil er weder diese noch jene Lesart bedient, sondern es erlaubt, eine dritte Position einzunehmen: Ja, der Brand von Notre-Dame ist schmerzlich, aber genau deswegen, weil dieser Bau eben nicht Zeugnis nur einer Kultur, nur einer Zeit, nur einer Institution ist, sondern vielmehr eine Versammlung «hybrider Konstruktionen» – so Hugos wörtliche Formulierung. Und gerade als hybrider Bau, in dem zwischen Tür und Pfeilern «sechs Jahrhunderte liegen», ist er so kostbar.

Restauration als Demolierung

Kostbar auch deswegen, weil diese Kirche somit nicht als Repräsentationsbau für die Leistungen Einzelner gelten kann: Wie die ägyptischen Pyramiden oder die Hindupagoden sei ein Bau wie Notre-Dame «mehr das Erzeugnis arbeitender Völker als der Erguss genialer Männer», schreibt Hugo. «Der Mensch, der Künstler, das Individuum verschwinden bei diesen grossen Massen ohne Namen des Urhebers; es ist der Geist der Menschheit, der sich hier zusammenfasst und als Ganzes erscheint. Die Zeit ist der Baumeister, das Volk ist der Maurer.» Das mag arg pathetisch klingen, vor allem aber klingt es verblüffend anders als das, was dieser Tage sonst zu hören ist. Notre-Dame taugt weder für Kulturkampf noch zur Profilierung Einzelner.

Das erklärt vielleicht auch, weshalb Hugo von der Restauration Notre-Dames, die nicht zuletzt der Erfolg seines Romans überhaupt erst ermöglicht hatte, so wenig hielt. Wo Viollet-le-Duc eine eigenmächtige Perfektionierung mittelalterlicher Baukunst anstrebte, sah Hugo jedenfalls nur eine «opération barbare», wie er in seinem Rheinreisebuch schreibt – wer so restauriere, betreibe Demolierung. Dem liesse sich freilich – sozusagen mit Hugo gegen Hugo – entgegenhalten, dass auch Viollet-le-Ducs Restauration ihre Berechtigung hat, doch nicht als Ideal, sondern wieder nur als eine weitere Zeitschicht, die sich auf diesem mehrdeutigen Bau abgelagert hat. Daran wäre zu denken, wenn es nun darum geht, Notre-Dame einmal mehr wieder instand zu setzen – nicht als eindeutiges Symbol, sondern als Kathedrale des Hybriden.

Johannes Binotto lehrt Film- und Medientheorie an der Hochschule Luzern.

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