Nr. 17/2019 vom 25.04.2019

Das Stöhnen folgt der Melodie

Zu vertrackt für Punk, zu hart für Jazz, aber auch kein breitbeiniger Rock: Das phänomenale Duo Ester Poly zapft überall die rohen Kräfte an. Ekstatisch!

Von David Hunziker (Text) und Ursula Häne (Foto)

Ein Basslick bringt den Akt in Gang: Martina Berther (links) und Béatrice Graf zelebrieren als Ester Poly eine feministische Erotik.

«Französisch ist manchmal echt kompliziert», sagt Béatrice Graf, und es klingt geradezu schelmisch. Als hätte es mit den Widrigkeiten dieser Sprache zu tun, dass das Stück «Pique Dame» aus einem einzigen Wort eine feministische Erotik entfaltet: «consensuel». Das meint zuerst einmal «einvernehmlich», ein Liebesspiel, dem alle Beteiligten zustimmen. Doch Graf lässt sich vom Klang der Silben treiben, beginnt, diese anders aneinanderzureihen, bis sie da landet, wo es feucht ist: «Elle sent son con» (Sie riecht an ihrer Möse). In dem Moment erwacht das erotische Selbstbewusstsein einer Frau, die sich beim Sex mit ihrem Mann langweilt und zur Seite springt, zu einer Frau. Doch da haben wir den Höhepunkt des Stücks noch gar nicht erreicht.

Béatrice Graf ist Schlagzeugerin und Sängerin, zusammen mit der Bassistin Martina Berther bildet sie die vielleicht radikalste Schweizer Band der Gegenwart: Ester Poly. Das beginnt schon bei den Welten, die hier aufeinandertreffen: auf der einen Seite die 55-jährige Westschweizer Schlagzeugerin, die schon in Hunderten von Formationen zwischen Hardcorepunk und experimentellem Jazz gespielt hat; auf der anderen Seite die 34-jährige Bassistin aus dem Bündnerland, derzeit eine der angesagtesten MusikerInnen der Schweizer Indie- und experimentellen Musikszene. Doch man muss genau hinhören, um die Welt zu verstehen, die sie zusammen kreiert haben.

Stöhnen, streicheln, schlagen

Treffen mit den beiden Musikerinnen in einem Zürcher Café. Wenn man sie über ihre Band sprechen hört, klingt das immer eine Spur zu bescheiden. Gleichzeitig ist ihnen schon sehr bewusst, was diese einzigartig macht. «Mit Ester Poly machen wir nicht jeden Blödsinn mit», sagt Berther. «Wir wollen auf keinen Fall Teil der Maschinerie werden, uns ist wichtig, unabhängig zu bleiben.» Ihr erstes Album, «Pique Dame» (2017), klingt roh und ungeschönt, als hätten die beiden einfach ein Mikrofon in den Proberaum gestellt. Ein zweites Album komme vielleicht nächstes Jahr, «businesstechnisch natürlich viel zu spät», sagt Berther. «Dann haben wir halt nicht so viele Streams auf Spotify, und fürs M4Music-Festival sind wir vielleicht auch noch zu wenig cool.» Vielleicht müsste die Frage eher lauten, ob das M4Music-Festival cool genug ist für Ester Poly.

Eine Woche später in der Bar Piccolo Giardino in Zürich, ein idealer Ort für ein Konzert von Ester Poly: Die Bühne ebenerdig, die Leute stehen dicht beieinander, die intime Atmosphäre zieht die Aufmerksamkeit auf subtile Details. Darauf etwa, wie bestimmt, aber lasziv Graf den Text von «Pique Dame» spricht, während Berther ihren Bass psychedelisch heulen oder schrille Töne dazwischenfahren lässt. Ihr punkiges, aber watteweiches Basslick bringt den Akt in Gang. Graf beginnt zu stöhnen und mit blossen Händen einen Beat zu schlagen, sie streichelt die Trommeln, die Worte werden weniger, das Stöhnen heftiger. Der Höhepunkt ist keine Explosion, eher eine Selbstauflösung: Aus einem kleinen Synthesizer ertönt eine angespannt-ekstatische Melodie – das Stöhnen folgt der Melodie, schmiegt sich an sie an, geht in ihr auf.

Respekt für den Speck

Im Text zu «Pique Dame» ist die Rede von einer «tactique érotique», und natürlich werden auch wir hier gerade verführt: Ester Poly lassen schwere Grooves durch unsere Körper fahren, machen verschmitzte Ansagen, stecken an mit ihrer Freude über das, was da gerade auf der Bühne passiert. Doch der nächste Bruch oder eine überexplizite Zeile sind nie weit – in dieser politischen Erotik liegen Charme und Irritation stets dicht beieinander und verstärken sich gegenseitig. So verpufft auch eine feministische Parole nicht in übertriebener Ernsthaftigkeit, durch eine alberne Brechung nimmt sie umso mehr Fahrt auf: «Respect my Speck!»

Die Geschichte von Ester Poly beginnt 2013. Béatrice Graf erhielt damals eine Carte blanche für die Fête de la Musique in Genf, einen frei zu bespielenden Slot im Programm. Sie entschied sich, Martina Berther einzuladen und mit ihr zu improvisieren. Die Bassistin hatte sie kurz zuvor mit einer Jazzband spielen sehen und nach dem Konzert zu einem Jam eingeladen. Wobei, das hatte natürlich nichts von der Beliebigkeit, die bei diesem Wort mitschwingt, die beiden Musikerinnen sind vom Fach: freie Improvisation. Die ersten zweieinhalb Jahre machten Ester Poly nur das – «instant composing», wie Graf es nennt.

Man könnte auch sagen: intuitives Komponieren. Tatsächlich entstand so das Rohmaterial der meisten Ester-Poly-Songs. Die Musikerinnen nahmen die Konzerte auf, studierten einzelne Elemente, setzten sie wie Bausteine in eine Struktur ein. «Bei der Auswahl sind wir streng», sagt Berther. «Nur wenn eine Idee dringlich und konsequent ist, wird sie weiterentwickelt.»

Dieses Fundament in der freien Improvisation hört man aber nicht nur an der Originalität, sondern auch am filigranen Zusammenspiel der beiden. Da ist zum Beispiel «Dienstag», eines von mehreren Stücken ohne Text. Berther spielt eine zerfranste Figur, verschiebt sie minutenlang leicht nach oben und unten. Dazu spielt Graf einen verschobenen Beat und bremst ihn aus, lässt ihn neben den Schlag fallen. Es hört sich sehr frei an, wie die beiden hier um den Puls herumtänzeln – gleichzeitig steigt die Sehnsucht nach einem erlösenden Schlag.

Formale Strukturen sind für Ester Poly keine stillen Träger einer Message oder eines Gefühls, sie werden immer wieder verhandelt, die Zwischenräume ausgelotet – schön zu hören auch im instrumentalen «Be Loud». Was Berther hier spielt, ist eine Urgewalt von einem Riff, schleppend und unglaublich heavy. Es ist, als würde eine riesige Schneise aufgerissen, die Grafs wirblige Trommelfiguren wie in einem Schlaglicht aufblitzen lässt.

Auch eine solche Dynamik kann politisch sein, als ein Spiel unter Ebenbürtigen – jenseits der Spaltung in Lead und Begleitung. Keine Besetzung würde sich dafür so gut eignen wie ein Duo aus Bass und Schlagzeug, dem in der klassischen Jazz- und Rockband die Funktion der Rhythmusgruppe zukommt, die dem (meist männlichen) Hauptdarsteller den Boden bereitet. Kann man ein solches Zusammenspiel also für sich schon feministisch verstehen? Die Frage, ob Frauen anders Musik machen als Männer, werde ihr schon seit dreissig Jahren gestellt, sagt Graf. «Oft legen Männer mehr Wert auf Virtuosität. Als Schlagzeugerin kannst du dich im Jazz schon manchmal langweilen, wenn der Typ vorne sein Solo wichst.» Dabei, sagt Graf, sei Musik machen doch wie Liebe machen: «Wenn man etwas teilt, ist der Akt ganz ein anderer, als wenn man nur auf die eigene Befriedigung achtet.»

Bloss keine Stiltreue

Trotz ihrer Komplexität mutet die Musik von Ester Poly über weite Strecken fast urtümlich an: kaum klassische Songstrukturen, getragen meist von repetitiven Grooves. Was dabei herauskommt, steht ziemlich quer in der Musiklandschaft: zu hart für Jazz, zu wenig breitbeinig für Rock, zu vertrackt für Punk. Ester Poly halten keine formale Treue zu irgendwelchen Stilen. Statt sich etwas anzueignen, wie das beim Zitat gemacht wird, wirkt es so, als würden sie nur überall die rohe Kraft anzapfen: bei Riot-Grrrl-Punk, Psychedelik, Noise, Stoner Rock. Ester Poly sind immer irgendwie «proto» oder «post», eine Urstufe oder eine Unterwanderung.

Doch das ist alles nachgeschoben. Wenn man Ester Poly zuhört, klingt nichts nach avantgardistischem Krampf. Zur Stildiskussion sagt Berther zum Beispiel Sätze wie: «Ich höre immer wieder, wir würden nach New-York-Punk aus den achtziger Jahren klingen. Aber ich kann das nicht beurteilen, solche Musik habe ich gar nie gehört.» Ganz ähnlich ist das mit der Provokation, die Ester Poly darstellen – sie ist nicht gegen etwas gerichtet, sondern entsteht einfach aus dem, was die beiden Frauen verkörpern.

Sie könnte ja jeweils von vielen im Publikum die Mutter sein, sagt Graf, und es ist wieder dieser schelmische Tonfall, der den Satz so gut macht: «Und eine Mutter hat doch keinen Orgasmus auf der Bühne!»

Konzerte: So, 12. Mai 2019, 20.30 Uhr, bee-flat, Bern (zusammen mit Aul und Big Zis); Fr, 14. Juni 2019, am Frauenstreik in Zürich.

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