Nr. 15/2019 vom 11.04.2019

Fülle der Systemkritik

Von Stefan Howald

Es ist ein veritables Panoptikum widerständigen Denkens und Schreibens, von André Gorz über Pier Paolo Pasolini bis Zygmunt Bauman. Knapp zwanzig Jahre lang hat Hilar Eggel in der «Roten Anneliese», der Walliser Alternativzeitschrift, zweiseitige Porträts von Denkerinnen und Künstlern geschrieben. Jetzt liegen sie gesammelt vor: rund siebzig Stück. Zur Dokumentation, wie er sagt, und mehr noch: zur ermutigenden Erinnerung.

Die Auswahl ist überwiegend aufs 20. Jahrhundert konzentriert, mit Verbeugungen vor Karl Marx und Georg Büchner, und auf Europa, mit gelegentlichen Ausflügen in die USA und nach Lateinamerika. Die grosse Generation der linken DenkerInnen aus den zwanziger Jahren ist ebenso repräsentativ vertreten wie diejenige der Achtundsechziger und der PostmodernistInnen. Speziell betont Eggel die analytische Auseinandersetzung mit dem Alltagsbewusstsein, wie er es nicht nur bei Antonio Gramsci, sondern auch bei Siegfried Kracauer oder Michel Foucault hervorhebt. Bei den Schriftstellerinnen und Liedermachern findet sich die eine oder andere Überraschung: Nicht nur Peter Weiss und Christa Wolf hat Eggel porträtiert, sondern auch Gisela Elsner, Ronald M. Schernikau und Hannes Wader. Die Schweiz ist mit einem halben Dutzend AutorInnen berücksichtigt, die sich unter dem Stichwort des Nonkonformismus zusammenfassen liessen, von Walter Matthias Diggelmann über Niklaus Meienberg und Ludwig Hohl bis S. Corinna Bille.

Die Texte vermitteln einen ersten Einstieg, stellen Stichworte und Materialien zur weiteren Beschäftigung bereit. Eggel arbeitet die Stärken der Theorien heraus; an Lücken und Schwächen ist er weniger interessiert. Gelegentlich hat er einen aktuellen Kommentar hinzugestellt, zur Umweltbewegung, zu Menschenrechten, zur Migration. Man staunt, wie viel schlaue Systemkritik in den vergangenen neunzig Jahren geäussert worden ist. Und man seufzt, dass der Kapitalismus noch immer existiert.

Einige Frauen mehr hätten es sein dürfen. Schade auch, dass für den Nachdruck etliche Druckfehler nicht korrigiert worden sind. Ansonsten aber: ein Panoptikum zum Staunen und zur Weiterbildung.

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