Nr. 14/2019 vom 04.04.2019

So optimistisch, wie er nur sein kann

In seinen Erzählungen entwirft György Dragomán ein Kaleidoskop von Missgunst und schlechter Laune. So etwas wie Versöhnung finden seine Figuren nur in der Musik – oder in der anarchistischen Kinderfantasie.

Von Lennart Laberenz

György Dragomán – schwarze Stiefeletten, schwarze Jeans, schwarzer Rollkragenpullover, die dunklen Haare kurz und mit viel Grau dazwischen – stützt die Ellenbogen auf den Tisch, zieht die Schultern zusammen, man könnte meinen, er ducke sich in die Antwort. Wir unterhalten uns schon eine Weile über dystopische Aspekte, das Spiel der Macht in seinen Erzählungen. Dragomán, das lässt die vergangene Dreiviertelstunde vermuten, ist niemand, der seine Fröhlichkeit zu schnell freigibt. Jetzt fliegen die Hände nach vorn, weisen auf den Tisch vor uns: «Das», sagt er mit einem feinen Lächeln, «ist so optimistisch, wie ich eben sein kann.»

Er zeigt auf Druckfahnen von «Löwenchor», seinem Band mit zwanzig Erzählungen, die überraschen, manchmal Bündel und Kreise bilden, dann versickern oder abreissen, konzentriert und um alle Überflüssigkeiten bereinigt. Ein wunderbarer Reigen, abrupte Einstiege, knapp hingepinselte Szenarien, eine halbe Geste, eine Klemme, in die jemand gerät, das Innenleben von Frauen, die gerade in unpassendsten Situationen verlassen werden. Das mit dem Optimismus ist also so eine Sache.

Musik ist eine Ressource, die das Personal seiner Geschichten manchmal für einen Moment, die Dauer eines Liedes oder eines Tons, mit der Welt, nun ja, versöhnen kann. Dragomán zaubert Lieder, Taktfolgen, Trommelschläge, gar Töne einer dem Wind ausgesetzten Äolsharfe kristallklar in den Kopf des Lesers. Eine zweite Ressource ist die anarchistische, allzeit spielbereite, überschäumende Fantasie von Kindern – ein Feld, das er auch in seinen düsteren, aufsehenerregenden Romanen wie «Der weisse König» (2012) und «Der Scheiterhaufen» (2015) durchmisst.

Auch im «Löwenchor» eröffnet das Räume, die einem nüchternen Erwachsenenblick verschlossen sind, Möglichkeiten, Schwierigkeiten zu überwinden, Stösse abzufangen. Dragomán formuliert einen Satz, der sich schwer ohne Pathos übersetzen lässt: «I am interested in freedom.» Das sei eine Haltung, die man als Kind lerne: «Kinder leben gewissermassen in Diktaturen, vielleicht sogar notwendigerweise, sie werden erzogen. Fantasie ist eine Gegenreaktion.»

Er lehnt sich wieder zurück, hält kurz inne. Im «Löwenchor» gibt es wenig Rebellion, ist das ein politischer Blick? Als Antwort ein leiser Satz, mit dem er die ungarische Gesellschaft, Osteuropa, aber auch die Europäische Union überblickt: «Ich glaube, wir haben verlernt, wie man Widerstand leistet.»

Brüllen gegen Gummiknüppel

Man kann jetzt an Gelbwesten denken, an die Novelle «Das System und seine Feinde», wo Erika am Ende schon die Gummiknüppel der Bereitschaftspolizei erahnt, der Lärm zwingt sie zum Instinkt und gegen den klaren Gedanken: «Man darf sich nicht, darf sich nicht, darf sich auf keinen Fall mit der Masse bewegen, schoss ihr durch den Kopf, Angst und Wut standen ihr wie Schweiss auf der Stirn, sie gab dem Koffer einen Fusstritt, wandte sich um und rannte mit den anderen, mitten auf der Allee, in Richtung des gedehnten, klagenden Gesangs, sie wusste, gleich würden sich ihre Lippen öffnen, gleich würde sie brüllen, zusammen mit der Masse, endlich würde auch sie alles herausbrüllen.»

Kurzgeschichten sind in der deutschsprachigen Literatur eher mittelbeliebt, ganz gut also, dass der «Löwenchor» ein wenig milder als Dragománs Romane daherkommt. Allerdings bedeutet Optimismus bei ihm noch immer eine gleichgültige bis ruppige Welt, wo sich zerlumpte Alte eben nur für den Moment eines Liedes nicht das Leben noch schwerer machen. In der Kinderfantasie spiegelt sich der Optimismus, sie kann Unfall und Verletzung des Grossvaters rückgängig machen, sie hebt uns für einen Moment über die Realität hinaus. Gewalt und Gemeinheit treten hier nicht direkt, als brutale Schläge auf, sondern als Ahnung, Klima und Dunst, der die Figuren einhüllt.

«Ich bin geschädigt von meinen ersten fünfzehn Lebensjahren.» Dragomán sagt den Satz mehrfach, trocken, analytisch. Geboren 1973 in Targu Mures, wo die wirklich finstere rumänische Variante des Realsozialismus Repression, Nationalismus, Niedertracht und schon bei SchülerInnen Selbstbewaffnung bedeutete. Gewalt sei normal, eine Form der Kommunikation gewesen. Im März 1990 brachen Unruhen in der Stadt aus, Hunderte Verletzte, sechs Tote, es ging um Rumänien und Ungarn, Erinnerungskultur, Identität, Wut. All das hatte Vorläufer. Der tote Diktator, sein wächsernes Gesicht auf dem Boden, namenlos, aber als Nicolae Ceausescu zu erkennen, hat im «Scheiterhaufen» einen Auftritt, hallt im «Löwenchor» als Erinnerung nach.

Im eisernen Griff der Disziplin

Dragomán sah die Szenen am Fernsehen in Ungarn, wohin die Familie auswandern konnte und wo er eine längere Weile brauchte, um sich aus dem eisernen Griff der rumänischen Disziplin zu lösen. Dann: Jugend, Aufbruch, Dragomán erzählt von glücklichen Zeiten, die gingen vorbei. Das Klima wurde rauer, und die Erinnerung an Rumänien drängt sich wieder vor: «Ich sehe heute, dass wir von denselben ethnisierten Gewalttaten eigentlich nur einen kleinen Schritt entfernt sind.»

In der wunderbaren Episode «Puerta del Sol» blickt der Protagonist auf Landkarten und den Umgang mit der Vergangenheit – in der zusammengefummelten Historie liegt in vielen osteuropäischen Ländern ein Quell von schlechter Laune, Missgunst und des Gefühls, zu kurz zu kommen: «Er dachte an die Grenzen, daran, wie viele Grenzen sie überflogen hatten, und er schämte sich gleich, dass er schon wieder daran dachte, dass er wie seine Mutter ist, in der Vergangenheit lebt, nur weil sie in seiner Kindheit nicht reisen durften, müsste man nicht ständig daran denken, man sollte endlich darüber hinweg sein, ja, sie durften nicht reisen, weil sie keinen Pass bekommen durften, ja, er war in einer Diktatur aufgewachsen, ja, er hatte sich Atlanten angesehen wie andere in Märchenbüchern lesen, aber nun ist das vorbei, schon lange ist es vorbei, seit er zwanzig ist, hat er einen eigenen Pass, er kann gehen, wohin er will, wann er will, er ist ein freier Mensch, er sollte sich nicht ständig an das Gefängnis erinnern.»

Solche Gedankenströme zielen auf die zersplitterte Gegenwart, im «Löwenchor» ruhen Bruchstücke einen Moment, werden wieder durchgeschüttelt: Wie in einem Kaleidoskop reagieren immer neue Splitter aufeinander, formen sich zu einem flüchtigen Bild, in dem das Personal oft nach so etwas wie Sinn sucht, an den es glauben will, obwohl es weiss, dass es sich inmitten all der existenziellen Leere höchstens vorantastet. Gewalt ist darin eine ontologische Konstante, der man vielleicht entgehen kann, indem man sich permanent selbst hinterfragt. Oder kurz, durch Musik: «Ferenczi dachte an die beiden Musiker, die Melodie, die sie gespielt hatten, konnte er nicht wiedergeben, dennoch pulsierte sie in ihm, er schloss die Augen und dachte an das Sonnenlicht und daran, was die Alten sangen, dass einmal der Tag kommen wird, wenn alle Wunden geheilt sein werden und aller Schmerz vergangen.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch